Montag, 20. Dezember 2010

Meine ersten Weihnachten in Melbourne

Weihnachten in Australien
So, liebe Gemeinde, ich werde mich diese Woche kurz fassen. Im Moment bin ich noch voellig erschoepft vom vielen Einpacken und wegschicken. Ich hoffe, meine Pakete und Gruesse kommen rechtzeitig an.
Neulich war hier die Melbourne Myer Christmas Parade. Das ist sowas wie die Karstadt Parade in der Moenckeberg Strasse in Hamburg. Die Gemeinsamkeiten liegen auf der Hand – beide versuchen so amerikanisch wie moeglich zu sein. Aber ich glaube, die Parade in Melbourne ist noch etwas geschmackloser als die in Hamburg. Aber das ist halt Geschmacksache, wie gesagt.
Hier sind ein paar Bilder:




Diese Bilder (hab ich mir sagen lassen) stehen auf Flickr zur Verfuegung. Wer mehr sehen moechte kann muss einfach nur hier klicken
Herzliche Gruesse aus Australien.
Allen schoene Weihnachten und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr.
Eure Onkel Paul

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Kopeister gehen mit Kapowski

Mannomanomann, das war vielleicht ein Wochenende, auf meine alten Tage. 

Richard hat mich eingeladen, seine Freunde vom Deutschen Club kennenzulernen. Ich war davon ausgegangen, dass wir uns im Club treffen, ein Bierchen trinken und dann zeitig nachhause kommen. Nichts da: Es war Samstag Abend und wie man mir erklärte, würde die Nacht noch lang werden. Naja, ich habe mir dabei nichts weiter gedacht. Leute in meinem Alter sind es gewohnt mit Schonung bedacht zu werden. Mit anderen Worten, ab Zehn werden Bemerkungen lauter, die einem höflich aber bestimmt sagen, dass es Zeit wird für alte Herren nachhause zu gehen und sich in Bett zu begeben. Aber in Australien scheint Alter keine Rolle zu spielen. Die Herren schienen ernsthaft zu erwägen, um die Häuser zu ziehen.

Auf diesem Bild erkennt man die Kumpels von Richard. Das war dann auch der Tross, mit dem ich in die Nacht gezogen bin.
Von Links: Walter Hagemann, Chris Hauck, 
Gerry (Gerhard) Kapowski und Eric Olson.
Natürlich war ich als Neuling in Australien sehr interressiert an den Geschichten der Vier. Das hilft vor allem vorzubeugen, um nicht in peinliche Fallen (Kulturelle Untiefen) zu tappen, in die andere schon gelaufen sind, aber auch um festzustellen, wie andere ohne Umschweife ans Ziel kommen in einer fremdartigen Kultur. Natuerlich hatten wir im Club schon ein paar Gläser Wein und ein paar Flaschen Bier gehabt – hier regt sich übrigens niemand auf, wenn man ein Bier einfach aus der Flasche trinkt. Mit Wein stellen sich die Australier in dieser Beziehung (aus der Flasche trinken) aber ähnlich an wie die Deutschen. Auch ich persönlich finde Wein aus der Flasche trinken ja ein wenig vulgär.

Jedenfalls hat Chris irgendwann vorgeschlagen, dass wir ein Woandershinwalking veranstalten sollten, was dann einstimmig angenommen wurde. Chris und Eric haben ihre Bierflaschen einfach mitgenommen. Ich war darauf eingestellt, dass wir mal eben um die Ecke gehen, aber wie sich schnell herausstellte, sollten wir mit Nahverkehrszügen von Winston bis nach Collingwood fahren, um im Gem abzusteigen. Ich muss sagen, die lange Reise hat sich gelohnt. In der Bahn wurde es ja auch nicht langweilig, weil Walter, Chris, Gerry, Eric, und mein Wohnungsgenosse Richard eine bereichernde Gesellschaft sind. Doch-doch, das muss mal ganz ehrlich gesagt werden: Ich habe mich ausgezeichnet mit den Herren verstanden. 

Aber zurück zum Gem. Ein Gem ist auf Australisch quasi ein Edelstein. Und beim Klabautermann, was ist dieser Pub für ein schöner Edelstein. Ich hätte fast feuchte Augen bekommen, als ich den alten Bambusvorhang mit dem Hawaii-Mädchen drauf gesehen habe. Wie damals in den 60er Jahren in den Hamburger Hafenkneipen. Nee, was war das schön, mit den Schauerleuten in der Kneipe, gemeinsam die Lieder voller Sehnsucht und Fernweh singen, mit wildfremden Leuten anstoßen und sich gegenseitig Biere ausgeben. Und nun habe ich das auch hier, am anderen Ende der Welt. Natürlich gibt es die Schauerleute nicht mehr. Das ist ja alles längst vorbei und durch moderen Technologie verdrängt. Aber es läuft einem schon ein Schauer den Rücken herunter, wenn man an diese Zeit zurückdenkt. 

Ich hab mich dann mit Gerhard (Gerry hört er eigentlich lieber, weil dann gucken die Leute nicht so komisch) zusammengesetzt und ihm erzählt, wie mich das Gem an die gute alte Zeit im Hamburger Hafen erinnert. Gerry stammt ursprünglich aus Danzig, in Polen und ist dann Anfang der 60er Jahre nach Deutschland gegangen, bevor er Ende der 60er nach Australien ausgewandert ist. Auch er hat in Danzig im Hafen gearbeitet und auch dort scheint es eine ähnliche Atmosphäre gegeben zu haben, wie in Hamburg. Ich sag immer, Hafenstädte haben ihr eigenes Flair. Gerry bemerkte dann auch, dass die Münchner gar keine Ahnung haben, was sie verpassen. Ich fand das dann auch sehr treffend und wir haben darauf noch ein Bier bestellt, aber vom Fass und auf unsere Hafenstädte (Melbourne, Danzig, Hamburg) und die deutsch-polnische Freundschaft angestoßen. Wie sich schnell herausstellte, kann ich das auf meine alten Tage gar nicht mehr so ab. Jedenfalls hatte ich in kürzester Zeit schon ordentlich einen im Tee. Aber mir war das egal, weil ich mich herrlich mit Gerry amüsiert habe. Richard, Walter, Chris und Eric  sind dann irgendwann ins Taxi gestiegen und wieder nachhause gefahren, aber Gerry und ich haben dann noch ein zweites Woandershinwalking veranstaltet.

Anstatt in den nächstgelegenen Pub zu gehen haben wir uns auf Gerrys Vorschlag hin in ein Taxi gesetzt und sind nach Box Hill gefahren, um dort in den RSL (Returned & Services League) Club zu gehen. Ich hatte ja gehört, dass RSLs sowas wie Abstellkammern für alte Leute sind, aber Gerry sah das ganz anders und bestand darauf, dass wir dort noch mal reinschneien, weil man dort „immer (das hat er wirklich so gesagt) noch was aufreissen kann“. Ich hatte ja so meine Bedenken, schliesslich ist Box Hill fest in chinesischer Hand. Und was sollen alte Asiatinnen mit einem alten Kaukasier anfangen? 

Als wir dann in den RSL gegangen sind stellte sich heraus, dass der Club doch recht gemischt war. Die Stimmung schien recht ausgelassen – war ja auch schon spät – und wir setzten uns an die Bar um noch einen Absacker zu bestellen. Der Kellner ließ kunstvoll zwei Pints einlaufen. 
Zur Ansicht: Ein imperiales Pint mit noch etwas Flaschenbier drin. 
Man beachte den plumpen Fingerzeig mit dem Flaschenöffner, 
dass Flaschenbier abgefüllt wurde. 
Auf Wikipedia habe ich gelernt, dass ein imperiales Pint exakt 568,26128524935 cm³ sind. Das metrische Pint ("point" gesprochen) ist vergleichbar mit dem deutschen Halben (500cm³). Da die Ersten Einwanderer in erster Linie aus Mutter England kamen gehe ich davon aus, dass das hiesige Pint die 568,26128524935 cm³-Version ist. Ich behaupte das jetzt einfach mal.
Aber was ich eigentlich erzählen wollte ist, dass mir bei unserem Aufenthalt im RSL in Box Hill aufgefallen ist, wie jung alte Asiaten gegen alte Kaukasier aussehen. Wenn man zu einem Kaukasier in meinem Alter sagt, du siehst aus wie ein 25 jähriger Pfirsich, dann lacht sich alles scheckig. Sagt man sowas aber zu einer alten Asiatin, wird sie vielleicht nicht verstehen, worauf man hinaus will. Verstörung und Irritation können sich in einer solchen Situation schnell breit machen. Eilige Eklärungen sind da geboten, um Feindseligkeit zu vermeiden. Ich finde ja, alte Asiatinnen sehen auch noch mit 70 nicht aus wie 25 Jahre alte Pfirsiche. Im Gegenteil – eine 70-jährige Asiatin sieht meistens sogar besser aus als ein Pfirsich, der nur eine Woche in der Obstschale bei Raumtemperatur verbracht hat. Nachdem ich diese Feststellung gemacht hatte konnte ich auch verstehen, was Gerry mit „was aufreissen“ meinte. Ausserdem habe ich mir sagen lassen, dass Asiatinnen auf die Augen schauen und nicht auf den Körperbau, was ich sehr beruhigend fand.
Wie gesagt, wir hatten zwei Barhocker an der Theke geentert und begutachteten das kunstvolle Füllen der Pintgläser durch den Kellner. Obwohl meine Sinne schon deutlich getrübt waren – und ich kann normalerweise noch sehr gut gucken für mein Alter – vernahm ich ein helles Lachen, dass von weiter die Theke runter kam. Als ich an Gerry vorbeischaute, konnte ich die beiden asiatischen Grazien erkennen, die mir dann auch lächelnd zuwinkten. „Land des Lächelns“ fiel mir dazu sofort ein, obwohl damit, glaube ich, Japan gemeint ist. Egal. Ich lächelte zurück und winkte auch. Gerry schaute zu mir auf und fragte mich, warum ich ihm denn winken würde, wo wir doch vis-a-vis sitzen. Ich erklärte ihm die Situation und dann dauerte es gar nicht lange, bis wir Vier um einen Tisch saßen. Flugs hatten die beiden Damen ein Kennenlernschäumchen in der Hand, ausgegeben von mir natürlich. Gerry und ich stellten uns vor und die Damen taten dasselbige. Allerdings konnte ich mir die Namen einfach nicht merken. Irgendwas mit Li und Chi oder so. Ich weiss nur noch das wir alle miteinander herumgealbert haben, uns über unsere Sprachen (Deutsch, Englisch und Chinesisch) amüsiert haben. Kurz danach weiss ich gar nichts mehr. Ich kann mich bis heute nicht daran erinnern, wie ich überhaupt wieder nachhause gekommen bin. Es ist Jahrzehnte her, dass ich derart betrunken war. Richard hat mir dann am folgenden Tag Gerrys Telefonnummer gegeben und ich habe ihn angerufen und gefragt, ob er noch was weiss über den Abend. Doch auch er konnte sich an nichts erinnern. Wir haben dann eine Konspirationstheorie entwickelt. Wahrscheinlich haben die beiden uns KO-Tropfen gegeben um uns auszurauben. Aber mein Portemonnaie war noch da und auch Gerry vermisste nichts.
Erst zwei Tage später, ich hatte das Wochenende schon ganz vergessen, da ist mir etwas sehr unangenehmes passiert. Als ich beim Chemist war (das sind hier sowas wie Mischungen aus Apotheke und Drogerie) und eine Packung Kopfschmerztabletten bezahlen wollte, viel mir ein Foto aus dem Portemonnaie. Ich wäre dem Foto sehr dankbar gewesen, wenn es auf den Boden gefallen wäre, aber nein, es musste vor der Kassiererin auf dem Tresen landen – Bild oben, natürlich. 

Ich habe das Bild hastig in meine Sakkotasche verschwinden lassen, aber der Blick der Kassiererin liess keine Zweifel daran, dass sie die Sittenpolizei ruft, wenn ich das nächste mal in diesem Geschäft auftauche. Hier brauchte ich mich also gar nicht mehr blicken lassen. Natürlich habe ich Richard das Bild gezeigt und der hätte sich vor Lachen fast nass gemacht, aber Gerry war ebenso wie ich peinlich berührt. Sollten vielleicht irgendwann in der Zukunft weitere Bilder auftauchen? Die beiden Asiatinnen vom RSL-Club und wir? Nackt? Nicht auszudenken. In jedem Fall haben Gerry und ich beschlossen in der nächsten Zeit unsere sozialen Abende auf den Deutschen Club zu beschränken. 
Ich hoffe bloß, dass Richard jetzt nicht bei seinen Freunden mit der Geschichte von dem Foto hausieren geht. Dann brauchen wir auch nicht mehr im Deutschen Club aufzutauchen.
Das kommt davon, wenn man mit Kapowski kopeister geht – aber immer noch besser als bei Sonnenunterang nachhause zu fahren und vor dem Fernseher einzuschlafen, wie das gewissen Dritten, deren Vorname mit R anfängt gelegentlich passiert...
Lieben Gruss,

Onkel Paul

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Was Australier wohl wirklich denken über Deutsche...


Unlängst habe ich mir überlegt, ein Gutes Werk für die Allgemeinbildung in Australien zu tun. Wie einige sicherlich wissen, hat Deutschland in Australien hohes Ansehen. Im Allgemeinen werden Deutsche in Australien generell für Autobauer gehalten oder zumindest für Leute, die mit dem Automobilbau in Verbindung stehen. Vielleicht liegt es auch daran, dass es möglich ist einen BMW, der in Deutschland € 36.000 kostet, in Australien für gut und gerne $ 90.000 zu verkaufen. Von Doncaster BMW, einem florierenden und heftig expandierenden Mitglied der australischen BMW-Haus-Familie weiss ich, dass sie die Wagen ohne Probleme an den Mann bringen können.

Auch die Deutsche Sprache wird in Australien gern gelernt. Aber wo bitte kann der Australier sie auch pflegen? Deutsch-Südwest gibt es nicht mehr und auch andernorts, ausserhalb Deutschlands, trifft man eher auf Befremden, denn auf Verständnis, wenn man die ortsansässige Bevölkerung in Deutsch anredet. Vielleicht glauben die Australier ja auch, dass die Deutschen irgendwann doch noch die Weltherrschaft übernehmen wollen. Dann ist es immer gut, man kann sich mit seinen Besatzern gepflegt unterhalten kann.

Stichwort Besatzer: Mein Gutes Werk für die Allgemeinbildung der Australier sollte sein, deutsche Literatur über Ebay zu verkaufen. Natürlich verkauft der erfahrene Ebaybesitzer nicht einfach drauf los. Stattdessen wird der Markt sondiert: Was geht in australischen Literatenkreisen und was nicht? Um einen Versuchballon zu starten habe ich zunächst unter der Rubrik Books, German eingegeben. Das förderte erstaunliches zutage und erregte in mir den Verdacht, dass Australier von den Deutschen ein ganz anderes Bild haben, als man zu erhoffen wünscht.

Die Bücher, die in Zusammenhang mit dem Wort German im australischen Ebay zum Verkauf stehen sind – wen wunderts – Reiseratgeber und Dictionaries. Was aber offensichtlich viel besser geht ist eine Mischung aus Büchern über Schäferhunde, den Einmarsch der Deutschen in Nordafrika, den Luftkampf über England und die Eroberung Europas im ersten und zweiten Weltkrieg. Weiterhin wird jeder Militariasammler, der auf Nazi-Embleme, Hitlers Mein Kampf, technische Spezifikationen von Jagdflugzeugen oder ähnlich krudes Zeug steht, voll auf seine Kosten kommen. Interessanterweise hat mir Richard versichert, dass man das Zeug hier überall bekommt, aber bei Ebay in Deutschland tauchen viele dieser Versteigerungsgegenstände nicht auf.

Natürlich hat mich dieser Umsatnd gewissermassen dazu gezwungen, einen Grossteil meiner deutschen Büchersammlung in Ebay anzubieten. Sicherlich hat das Einstellen meiner Werke die kulturelle Vielfalt verdreifacht – mindestens. Aber wahrscheinlich kennt hier kein Schwein Thomas Mann, Kurt Tucholsky, Wilhelm Busch, Ludwig Erhart, Günther Neuss, Günther Grass, Heinrich Böll oder gar das Urgestein der Deutschen Satire, Dieter Hildebrandt und Werner Schneider oder die Werke von Loriot, um auch leichte Kunst aus Deutschland zu erwähnen. In Sachen Versteigerung habe ich auch dazugelernt – niemals ohne Mindestpreis bieten, wenn die Ware unbekannt ist. Denn sonst geht sie wirklich nur für einen Dollar weg. Kurt Tucholsky würde sicherlich wieder ausrufen, „Ick kann jarnich soviel fressen, wie ick kotzen könnte“, wenn mir solches Ungemach widerfahren würde.

Mal sehen, wie lange es dauert, bis mir nach deutscher Kultur hungernde Australier die Bücher aus der Hand reissen.

Bis demnächst,

Euer Onkel Paul

Donnerstag, 25. November 2010

In Australien gibt es sogar Dramseln!

Heute haben Richard und ich einen faulen Tag verbracht. Nachdem es die letzten Tage ziemlich heiss und windig war, hat es gestern Abend angefangen zu regnen. Mit dem Regen kam die Abkühlung und jetzt ist es schon wieder richtig ertraeglich. Wir haben es uns in dem Patio an der Vorderseite des Hauses gemütlich gemacht. Richard hat in seiner Garage nicht nur einen, sondern zwei Klappstuehle gefunden. So richtig Originale, wie sie die damals in den Stummfilmen hatten, wo die Schauspieler sich drin verfangen haben, oder die Finger geklemmt haben. Leider war an dem einen der Bezugsstoff schon so morsch, dass ich da gleich mit einem lauten Krachen durchgesessen bin. Plötzlich hing ich mit meinem Hintern zwischen zwei Hälften, von dem was mal ein Bezug war. Naja, Richard hat mir dann aus dem Schlamassel geholfen und wir sind dann auch gleich zu Bunnings gefahren, um da einen neuen Klappstuhl zu holen. Bunnings muss man sich so vorstellen wie Max Bahr oder Praktiker oder OBI, aber nur viel größer und fast so weit verbreitet wie McDonalds. Jeder Vorort, der was auf sich hält hat einen Bunnings. Die haben aber auch fast alles da – sogar die guten Deutschen Werkzeuge und nicht nur das billige Zeug aus China. Andererseits sind die deutsche Produkte hier schon sowas wie Luxusartikel, wenn man die Preise vergleicht. Richard meinte dann aber auch, dass sich die Anschaffung deutscher Produkte lohnt. Überhaupt sei alles aus Europa viel besser als der Kram aus Asien. Das hält dann auch länger, als von zwölf bis Mittag.

Naja, jedenfalls habe wir dann den Klappstuhl in Richard seinen Wagen geklappt und sind dann flugs zurück nach St. Kilda gefahren.

Und als wir dann da so sassen und dem Treiben auf der Strasse und in den Bäumen und an den Zäunen beobachteten ist mir aufgefallen, dass ich schon wieder eine Dramsel zwitschern hören konnte. Mir ist das in der letzten Zeit schon öfters aufgefallen und ich habe Richard dann gefragt, ob es hier Dramseln gibt. Er wußte erst gar nicht wovon ich geredet habe und dann habe ich ihm erklärt, dass man in Norddeutschland keinen Unterschied macht zwischen Amseln und Drosseln.
Fink und Star schon, aber nicht Dramseln. Das ist alles ein und dasselbe. Naja, Richard ist ja auch soviel Ornithologe wie ich Ethnologe bin. Jedenfalls hat er mir erzählt, dass das Gezwitscher von den „Dramseln“ (das hat er dann immer so betont langgezogen) ihn immer an Deutschland erinnert. Wie sich herausstellte scheint wohl eines dieser Exemplare hinter Richards neuem Zaun zu sitzen. Und manchmal kommt sie in seinen Garten, vor allem wenn es geregnet hat und sucht den Rasen nach Würmern ab. Und wenn sie dann mit herumpuhlen im aufgeweichten Boden fertig ist, dann fliegt sie wieder auf den Zaun und macht sich da immer erst mal den Schnabel sauber.




Richard meinte, dass sie dann immer links und rechts den Schnabel an der Oberkante von den Zaunlatten abwischt. Seiner Meinung nach liegt es nicht an den Termiten, dass die Zäune so schnell kaputt gehen. Das liegt an den „Dramseln“, weil die immer die Reste von zerkauten Würmern und Käfern an derOberkante der Zaunlatten abwischen und das lockt dann Bakterien und Kleininsekten an. Und diese Bakterien und Kleininsekten nisten sich dann unter den Essensresten, in den Zaunlatten ein und warten nur darauf, dass es bald wieder frisch Abgewischtes gibt. Und das ist der Grund, warum Zaunlatten in Australien immer von oben nach unten faulen.

Also ich weiss ja nicht, was ich davon halten soll. Ich kann ja nicht zu Richard sagen, dass ich noch nie sowas albernes gehört habe oder dass das hahnebüchener Quatsch ist. Ich habe mir dann lieber selbst den Mund verboten, bin nach drinnen gegangen und hab noch zwei neue Biere aus dem Kühlschrank geholt.

In diesem Zusammenhang sei gesagt, dass ich glaube, dass der Australier im Allgemeinen von der Nutzung von Werkzeug abstand nimmt. Ein Beispiel sind Bierflaschen. Während man in Deutschland einen Flaschenöffner benötigt, kann man die Kronkorken hier einfach abdrehen. Nennt sich Twist-Off Cap. Mit Weinflaschen ist das nicht anders. Während man in Deutschland zum Teil schweres Werkzeug ansetzen muss, damit der Korken sich aus der Flasche herausbitten lässt, haben hier fast alle Flaschen Schraubverschlüsse. Ich weiss noch, wie ich die Nase gerümpft habe, wenn ich in Deutschland eine Flasche mit Schraubverschluss gesehen habe. Das war für mich immer Billigwein, der normalrweise für zwei Euro in Zweiliterflaschen angeboten wurde – Steinadler oder so, mit Gratiskopfschmerzgarantie. Hier verkaufen sie sogar Wein im Karton. Jaja, ich weiss, das tun sie in Deutschland auch. Aber hier sind keine Flaschen im Karton. Das muss man sich wie ein Faß im Weinkarton vorstellen. Da ist aussen ein kleiner Zapfhahn dran und in dem Karton ist ein großer Plastiksack, voll mit Wein. Richard hat mir gesagt, dass es bei ihm Jahre gedauert hat, bis er sich daran gewöhnt hat. Wenn er z.B. zum Doppelkopp eingeladen ist, gibt es da manchmal Wein aus dem Zafhahn und der soll gar nicht schlecht sein. Naja, ich kann mir das immer noch nicht so richtig vorstellen. Wein aus der Schraubverschlussflasche: mit Zögern. Aber aus dem Karton? Ich kann sowieso nur Halma, da muss ich da also nicht mit hin, zum Doppelkopp. Ich stell mir immer vor, dass man zum Weinhändler seines Vertrauens geht und dort anfragt, „guten Tag, können Sie mir Ihren 2008er Chateau de Carton empfehlen?“

Kann man doch nicht machen oder? Naja. Wir haben den Tag jedenfalls schön mit ein paar Bieren und Würstchen vom deutschen Schlachter ausklingen lassen.

Australien gefällt mir immer besser, vor allem, wenn man nach dem dritten Bier diese gewisse Leichtigkeit empfindet, dieses mit allem einverstanden sein, weil es ja sowieso eigentlich egal ist, weil alles prima ist.

Mannomann, ich hab ganz schön einen im Tee. Da mach ich wohl mal besser Schluss für heute. Ich glaub‘, ich kann das auf meine alten Tage gar nicht mehr so gut ab.

Liebe Grüsse,

Euer Paul

Montag, 15. November 2010

Vorübergehendes Domizil: Richard's Place

Ich bin nun aus dem Hotel ausgezogen, weil Richard mir das generöse Angebot gemacht hat, mein Nachtlager in seinem Zuhause aufzuschlagen. Ich muss sagen, Richard wohnt 1a. Nicht weit von der Stadt, nicht weit von der Bucht und auch nicht weit vom deutschen Club. Man will ja doch ab und an unter Seinesgleichen weilen. Auf Dauer kann es nämlich ganz schön anstrengend werden, wenn man sich permanent mit Australiern auf Englisch unterhalten muss.

So, nun zeig ich Euch aber erst mal Richard sein Zuhause:
Richard wohnt quasi 10 Minuten von der Bucht, da wo der St. Kilda Segelclub ist. Das ist der Club, in dem die Boote im Hochhaus einsortiert sind. Ich habe hier mal ein Foto von der Bootsrampe mit dem Etagenlager im Hintergrund:



Wenn man genau hinschaut, dann kann man sehen, wie die Boote in mehreren Etagen in den Lagerhäusern übereinander gestapelt sind. Aber das wollte ich jetzt eigentlich nicht weiter ausführen. Viel interessanter ist ja eigentlich Richard sein Haus. Das ist wirklich sehr schön. Ich muss zugeben, dass ich ein wenig neidisch bin und das Haus liebend gern mein Eigen nennen würde. Aber das erzähl ich ihm lieber nicht, sonst denkt er noch, dass ich ihn eines Nachts hinterrücks überfalle und meuchele, nur um dann das Haus für mich zu haben. Papperlapapp! Hier nun eine sogenannte informative Fotostrecke:


Das Haus von vorn. Obwohl es aussieht, als ob es von einer lärmenden Siedlung umgeben ist, ist es überraschen ruhig in dieser Gegend - und das, obwohl es so nah an der Innenstadt ist. Und auch der Vergnügungspark mit dem schönen Namen Lunapark ist nicht weit. Da kann man von hier sogar zu Fuss hingehen.

 
Der sogenannte Patio. Das ist quasi ein Hybrid aus Balkon und Terasse. Man kann den Balkon sozusagen von aussen betreten ohne anklopfen zu müssen. Wenn es draussen so richtig heiss ist, dann kann man sich hier wunderbar in seinen Klappstuhl setzen und das Geschehen auf der Strasse verfolgen. Ich muß Richard direkt mal fragen, ob er einenKlappstuhl hat.


So, hier ist das erste Photo von der Inneneinrichtung. Die Küche. Besonderes Augenmerk sollte auf den eingenischten Ofen geworfen werden. Hat schon mal jemand einen so kurzen Ofen gesehen? Der hat nur zwei Kochflächen nebeneinander. Ich hab noch zu Richard gesagt, dass das Backblech sicher ein Breitwandformat ist. Fand er dann aber nicht so komisch. Schade...

Auch interressant ist, dass der kleine Küchentisch mit vier Stühlen versehen ist. Wenn wir also mal von einem Tanzabend im Deutschen Club ein paar fesche Damen mitbringen, dann ist hier prima Platz um noch ein gemeinsames Afterparty-Tässchen zu trinken.


Und hier das amtliche, also das richtige Esszimmer. Ich persönlich finde ja, dass Richard seinem Hang zu Stühlen vielleicht doch etwas zu viel Freiraum gelassen hat. Ohne ihn schlecht zu machen, aber wie bitteschön kann man ein perfekter Gastgeber sein, wenn die Teller wegen Platzmangel von der Tischkante fallen oder man seinen Ellenbogen in der Suppe des Sitznachbarn hat? Ich hätte ja lieber zwei Stühle weniger und dafür etwas mehr Tisch gekauft. Aber ansonsten: Hohe Decken, Stuck, ein Kamin. So schön hatte ich es in Deutschland nicht.


Und hier mein Lieblingszimmer, die gute Stube. Richards Lieblingsplatz ist unschwer zu erkennen, wie ich finde. Und was mir auch gefällt ist, dass hier der Tisch einigermassen passend ausgefallen ist. Man stelle sich nur mal vor, er hätte auch hier noch einen Extrasessel reingestellt und statt des Wohnzimmertisches nur den Lampentisch in die Mitte gestellt. Da wären Kaffeflecken auf den Polstern und dem Teppich aber unvermeidbar gewesen und ständiges Nachkaufen von Tassen wäre sicherlich auch unausweichlich gewesen.

Von Schlafzimmer und Klo habe ich natürlich keine Bilder gemacht. Sowas tut man nicht, wie ich finde. Gerade, wo ich hier ja nun Gast bin, kann ich nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und wie ein Eroberer das Domizil raumgreifen einnehmen.


Und hier für die, die es nochmal ganz genau wissen wollen, der Grundriss des Hauses. Sicherlich ist einigen aufgefallen, dass Norden hier im Westen liegen soll. Das stimmt aber nicht. Der Zeichner hat das nur deshalb so eingerichtet, damit der Grundriss einfacher zu lesen ist. Richard hat mir grosszügigerweise das hintere Schlafzimmer überlassen und auch sonst kann ich mich frei in seinem Haus bewegen.

Eine Garage ist auch noch frei. Mal sehen, ob ich mir noch mal ein Auto kaufe, auf meine alten Tage. Öffentliche Verkehrsmittel sind ja schön und gut. Aber in die Weingegend, oder ans Meer möchte man ja dann doch eher zügig, als den ganzen Tag von einer Haltestelle zur nächsten zu zuckeln und dann vielleicht auch noch den Anschluss verpassen und wohlmöglich in einer Haltestelle gezwungenermassen übernachten. Als Jungspund fand ich sowas ja immer toll. Das war Abenteuer pur. Heute kann man mich mit sowas allerdings nicht mehr hinter dem Ofen hervorlocken.

Naja. Ich muss mich jetzt erst mal mit Richard über Miete und Unkostenbeiträge unterhalten, damit unsere kleine WG nicht gleich wieder auseinanderbricht. Wäre doch schade.

Schönen Gruss,

Euer Paul

Sonntag, 7. November 2010

Stippvisite im Deutschen Klub

Heute Morgen ist mir ja ein vorzüglicher Kurzwitz eingefallen. Also, passt mal auf, der geht folgendermaßen:
Kommt ein Mann in die Bäckerei und fragt, "haben sie Rumkugeln"?
Sagt die Bäckereifachverkäuferin hinter dem Tresen, "nein, wir haben nur Aufderstellehüpfen".
Ha-haaa! Ist das nicht komisch? Da muss man erst mal drauf kommen.

Naja, da fing der Tag also schon mal ganz vergnüglich an. Ich wohne ja noch immer im Hotel und ich muss sagen, ich könnte mich dran gewöhnen. Man wird ja langfristig auch viel persönlicher vom Personal behandelt. Wenn man auf dem Gang die Putzfrau trifft, wird man freundlich angelächelt und auch im Erdgeschoss wird man vom Consierge mit einem netten "good morning Mr Hinrichsen (die sagen immer Hinrixen aber das maxt nix), how are you today?" angesprochen und dann weiss ich immer gar nicht, was ich da antworten soll. Offene Fragen... und dann noch auf English und das in meinem Alter. Mir bricht dann immer fast der Schweiss aus, weil ich natürlich nicht unangenehm durch Wortkargheit auffallen möchte. Also lächele ich etwas verlegen und winke jovial zum Tresen herüber. Das reicht denen dann auch.

Aber das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht erzählen. Eigentlich wollte ich davon erzählen, dass ich mich kurzfristig dazu entschlossen habe, dem Club Tivoli einen Besuch abzustatten - ganz inkognito, quasi. Das ist der deutsche Club in Melbourne. Hier soll es auch einen dänischen Club geben und jede Menge griechische und italienische Clubs. Wie üblich habe ich mich der lokalen öffentlichen Verkehrsmittel bedient. Von der Nahverkehrszughaltestelle zum Club Tivoli musste ich den Bus nehmen. Wie bereits erwähnt hatte ich ja die Erfahrung gemacht, dass Australier keine Hemmungen haben wildfremde Menschen anzugehen und mit ihnen kurzweilige Gespräche über Wetter, Sport und aktuelle Tagesnachrichten zu erörtern. Da ich nun schon ein paar Tage in Australien bin, habe ich meinen Mut zusammengenommen und mich neben eine Asiatin gesetzt, die auf mich den Eindruck machte, als ob sie schon lange im Land und der Englischen Sprache mächtig wäre. Also habe ich meinen Rumkugelkurzwitz auf englisch vorgebracht, mir auf die Schenkel geklopft und lauthals gelacht.
Leider konnte die Asiatin meinen Humor nicht recht teilen. In ihrem Gesicht zeichnete sich soetwas wie Panik ab und sie versuchte sich höflich aber energisch an mir vorbei in den Gang zu drängeln. Um sie in ihrem Tun nicht nochweiter zu behindern, schob ich meine Knie beiseite und liess sie durch. Sie entschuldigte sich nochmals mit ihrer leisen, hellen Stimme und setzte sich so weit wie möglich nach vorn im Bus, nicht ohne noch mal über die Schulter zu schauen, ob ich ihr auch bestimmt nicht nachstelle.

Ich muss zugeben, dass mich ihre Reaktion ein wenig enttäuscht hat. Zugegeben, ich bin ja nicht unbedingt brühmt für mein Witzerzählen, aber ein Lächeln oder wenigstens ein Kiechern kann man doch erwarten oder? Schon allein für den Versuch. Schliesslich habe ich ihr ja keinen unsittlichen Antrag gemacht.

Egal, ich bin dann irgendwann am Club Tivoli angekommen


und ich muss sagen, das Haus sieht so gar nicht australisch aus. Eher wie ein typischer Bau aus einer norddeutschen Vorortsiedlung - Reinbek oder Glinde oder Neuschönningstedt, aber nicht wie Windsor (so heisst das da wirklich).
Na, jedenfalls sass da im Club Tivoli so ein älterer Herr herum und tippte dort etwas in seinen Computer ein. Ich habe mich dann ordentlich vorgestellt, mit Vornamen, wie es in Australien ja üblich ist: "Hello, my name is Paul, you can call me Paule, if you like". Ich war mir nicht sicher, ob ich eventuell mit der Tür ins Haus gefallen bin, mit diesem Nassforschen vorgehen, aber die Reaktion des Herren war dann doch eher erfreut: "Guten Tag Paul, mein Name ist Richard - die Leute hier nennen mich Ritschard". Toll, dachte ich mir - hat sein Deutsch über die Jahre nicht verlernt. Ja, und so sieht "Ritschard" aus:

Ich nenne ihn jetzt mal der Einfachheit halber Richard, mit "ch", wie sich das gehört. Also Richard ist der Lehrer vom Tivoli Computer Club und da habe ich ihm gleich erzählt, von meinem Australientagebuch. Zuerst war er gar nicht so begeistert. Als er aber dann gehört hatte, dass ich das Tagebuch in Blogform verfasse, da fand er das schon erheblich interessanter. Er will das Tagebuch jetzt sogar verwenden, um seinen Schülern zu zeigen, wie man sowas macht. Ich bin natürlich gleich um drei Köpfe größer geworden, weil er noch meinte, dass da schon allerlei technisches Verständnis zu gehört, um sowas sinnvoll zu machen. Naja, jedenfalls haben wir den ganzen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen - die hatten sogar Apfelstreuselkuchen, das muss man sich mal vorstellen - vor seinem Laptop gesessen und über Computeranwendungen gefachsimpelt. Aber damit will ich euch jetzt nicht langweilen. Zu Richard kann ich euch noch sagen, er ist 72 Jahre alt, verwitwet, wohnt in St. Kilda, nicht weit weg von der Bucht und ist seit ca. 30 Jahren in Australien. Seine Kinder wohnen in Deutschland, aber er will hier bleiben, weil er Melbourne sein zuhause nennt.

Tja, das war mal ein erfolgreicher Tag. Vielleicht kann mir Richard ja auch helfen mit der Suche nach einer eigenen Bleibe. Wer weiss, der Australier als solches ist ja auch wahnsinnig gastfreundlich, vielleicht kann ich ja auch als Untermieter bei Richard wohnen, wie früher, in der Studentenzeit. Eine richtig schöne Junggesellenbude. Naja, bei uns wäre das dann ja eine Altgesellenbude. Da wäre dann zwar nicht mehr jeden Abend Rambazamba, aber das kann auch so bestimmt ganz nett sein.

Also liebe Leute, dann mal bis zum naechsten Mal.

Euer Onkel Paul

Mittwoch, 3. November 2010

Kleinasien liegt östlich von Melbourne

Der Australier als solches ist ja auch kein Engländer mehr. Das habe ich festgestellt auf meinen ersten Erkundungszügen durch die Vororte von Melbourne.

Wie ich bereits erwähnt hatte, bin ich nun auf der Suche nach einem Alterssitz. Nachdem ich nun schon zwei Tage im Hotel verweile habe ich mir gedacht, dass es Zeit wird, Butter bei die Fische zu machen, wie der Norddeutsche zu sagen pflegt. Und da der frühe Vogel den Wurm fängt habe ich heute Morgen, gleich nach einem ausgiebigen Frühstück einen Ausflug nach Box Hill gemacht, in der irrigen Annahme, dort ansässige Einwandererfamilien kaukasischer Abstammung, vornehmlich Briten, vorzufinden. Griechen oder Italiener wären mir auch recht gewesen. Als ich jedoch dem um 20 Minuten verspäteten Vorortszug entstieg, in der hiesigen Nahverkehrszugshaltestelle, wähnte ich mich in Kleinasien.

Auch das angenehme Englisch, welches einem in der Innenstadt so vertraut geworden ist, wird hier offensichtlich nicht gern gesprochen. Stattdessen schlägt einem hier das harte Stakkato fernöstlicher Sprachen entgegen. Als guter Hanseat sollte man aber mit Toleranz nicht sparen und so schüttelte ich meine Bedenken ab und erklomm die Rolltreppe, zur höheren Ebene. Doch auch dort hatte ich das Gefühl, allein unter Chinesen zu sein. Im Schlüsselservice ein Chinese, im Poffertjesstand (Chinesen mögen Poffertjes!) eine Chinesin, der Kiosk, das Lottogeschäft, der Edelsteinladen, die Wäscherei, die Pizzeria, die Boutique - überall besteht das Personal aus Asiaten.


Nun denn, Altona ist in Hamburg an den Türken gefallen. Wie es sich mit dem Altona in Melbourne verhält weiss ich nicht, aber es wäre sicherlich interessant herauszufinden, ob auch dort türkische Einwanderer zusammengefunden haben, so wie Chinesen es offensichtlich in Box Hill getan haben.

Da ich ja nicht nach Australien gezogen bin um in China zu wohnen, habe ich mir überlegt, von Box Hill zum Shoppingtown zu fahren. Laterales Denken is mir nicht unbekannt und so nutze ich dieses Talent, um etwaigen Anflügen von Ratlosigkeit, die Mitmenschen meines Alters zunehmend übermannen, entgegenzuwirken. Unter normalen Umständen hätte ich sicherlich stehenden Fußes kehrt gemacht und währe flugs zurück in die Stadt geflüchtet. Jedoch mein Ausweichmanöver zum Shoppingtown ist da doch eine viel interessantere Variante. Abenteuer muss ja auch sein. Also stieg ich in den Linienbus von Box Hill zum Shoppingtown, das übrigens im Nachbarvorort Doncaster liegt. Doncaster klingt ja auch viel mehr nach England als Box Hill. Box Hill (Kastenhügel) ist ja eher ein Name mit dem man Enge, winzige Aprtments und überfüllte Häuser vebindet, in denen ganze Dynastien aufeinander hocken. Wahrscheinlich kennt der Chinese das gar nicht anders von zuhause und fühlt sich nur so wohl. Was dem einen sien Uhl ist dem annern sien Nachtigall...

Erstaunlicherweise habe ich auf dem kurzen Weg von Box Hill zum Einkaufszentrum weder Pagoden, noch Tempel gesehen. Zwar tauchen ab und zu Werbeschilder von Immobilinmaklern auf, auf denen fast alles in Chinesisch geschrieben ist, aber die Häuser entsprechen dem australischen Standard. Beruhigend, das.

Kurz hinter der Brücke über die kostenfreie Autobahn (man muss nichts bezahlen, darf dafür aber auch nicht schneller als hundert fahren) bin ich an Applewood (Apfelholz - schöner Name) vorbeigefahren. Dort hatten erstaunlich viele Leute weisse Haare. Scheint wohl sowas wie betreutes Wohnen zu sein. Ich muss mich da mal schlau machen.

Na, jedenfalls bin ich nach kurzer Zeit im Shoppingtown angekommen. Shopping scheint ja bei den Australiern so beliebt zu sein, wie bei den Deutschen. Aber während der Deutsche an Sonntagen aus den Geschäften ausgesperrt bleibt und an Feiertagen auch, haben die Einkauszentren hier praktisch jeden Tag auf.

Ich habe hier mal ein paar Bilder von dem Einkaufszentrum:

Hier bin ich angekommen und im nächsten Bild kann man sehen, wie es drinnen aussieht:

Ganz nett oder? Mir gefiel ja besonders die Beleuchtung:

Das ist also praktisch direkt vor dem Kino, quasi im oberen Geschoss. Da muss man erst mal hin finden.

Was ich auch rausgefunden habe ist, dass der Australier gern ißt - vor allem chinesisch, indisch, syrisch, mediteran inklusive Italien und Griechenland und japanisch auch. Englische Restaurants findet man auch hier eher nicht. Offensichtlich konnte sich keines auf Dauer halten und inzwischen wird wohl auch die Handelskammer unerschrockene Thoren davor warnen ihr Geld für ein derartiges Etablissement aus dem Fenster zu werfen. Finger weg von englischen Restaurants...

Auch im Shoppingtown gibt es eine sogenannte Eatery. Direkt übersetzt heisst das Esserei, was den Nagel eher nicht auf den Kopf trifft. Das ist wie eine grosse Halle, in der fest etablierte Stände ihre Gerichte teils lauthals feilbieten. Also nicht die Stände selbst, sondern die Angestellten, die auf der Innenseite der jeweiligen Stände beschäftigt sind. In der Mitte, aber auch an den Rändern, also um die ganzen Stände herum stehen Tische und Stühle, die zum Verweilen und vertilgen einladen. Und wenn man einen Fentserplatz ergattert, dann sieht das ungefähr so aus:

Leider ist das nur abends so. Aber auch tagsueber kann an sich nicht über den Blick beklagen.

Ja, und so ist der Tag halt ganz flugs vorbei gewesen. Ich muss sagen, dass mir Doncaster viel besser gefallen hat, als Box Hill. Jetzt bin ich wieder zurück in meinem Hotel. Erschreckenderweise musste ich feststellen, dass die Benutzung des Internetterminals im Hotel astronomische Kosten mit sich bringt. Aber andererseits möchte ich mich auch nicht zu den jungen Dingern in ein Internet Cafe setzen. Wie sieht denn das aus? Ausserdem gibt es dort nur Instant Kaffee und harte Stühle. In meinem Alter muss man sich schon ein wenig schonen, um Hämorrhoiden vorzubeugen. Glücklicherweise ist dieser Kelch bisher an mir vorbeigegangen und so soll das auch bleiben. Ich muss mal sehen. Vielleicht gehe ich morgen mal in ein Fachgeschäft und lasse mich zwecks Anschaffung eines Computers beraten.

Also! Bis dann, liebe Daheimgebliebenen. Ich muss nun erst mal die Strapazen an der Hotelbar mit einem guten Bier herunterspülen und dann ab ins Bett.

Schöne Grüße,

Euer Onkel Paul

Montag, 1. November 2010

Einleitung

Liebe Daheimgebliebenen,

Hier nun beginnt mein Tagebuch vom anderen Ende der Welt. Ich bin noch vollkommen erschöpft von der langen Reise. In so einem Flieger ist das ja saueng, muss ich mal sagen. Da können die Stewardessen noch so charmant sein, das Bier noch so frisch, aber wenn man dann da so eingepfercht zwischen all den fremden Leuten sitzt, die Knie an der Rücksitzbank des Vordermannes, das kann schon ganz schön unangenehm werden. Ich bin ja aus Norddeutschland und der Norddeutsche ist ja im Allgemeinen größer als andere Rassen. Vielleicht sind wir Norddeutschen ja unnatürlich groß und Fluggesellschaften können da keine Rücksicht drauf nehmen, weil Durchschnittsmenschen eben in allem nur durchschnittlich sind, so auch in der Größe, weshalb es wohl keine Veranlassung gibt die Stühle in den Fliegern etwas weiter auseinander zu stellen...

Hier ist es jetzt Oktober und man hat mir gesagt, dass der Frühling um diese Jahreszeit in vollem Gange ist. Ha! Das ich nicht lache. Das soll hier vor zwei Tagen derart geschuettet haben, dass sie ueberall in Victoria Landunter hatten.

Ach ja - beinahe hätte ich ganz vergessen Euch zu erzaehlen, wo es mich hin verschlagen hat. Ich wohne ab heute in Melbourne und Melbourne ist die Hauptstadt von Victoria und in Victoria hat es aus Eimern geschuettet - also nicht heute, jetzt, aber vor zwei Tagen. Na, jedenfalls ist ja morgen, am Dienstag, das weltberühmte Pferderennen, der Melbourne Cup. Da spielt Melbourne verrückt. Alle Damen kaufen sich riesige Hüte und die Männer - so hat es mir die nette junge Dame auf dem Nebensitz im Flugzeutg erklärt - tragen an diesem einen Tag einen Anzug. Nun freuen sich die jungen Leute auf das Rennen und dann spielt das Wetter nicht mit. Und mir hat man immer erzählt, Australien sei ja so trocken. Hier ist mal ein Bild, das ich noch im Flugzeug gesehen habe. Also das hing da nicht an der Wand oder so, ich habe es in der Melbourner Zeitung, The Age, gesehen - man will ja informiert sein, wenn man ankommt. Wie sieht das denn aus, wenn man von den Ortsansässigen nach dem Tagesgeschehen gefragt wird und dann nur mit den Schultern zucken kann? Da wird man bestimmt als Ortsunkundig gemieden.

Achso - das Bild... moment, ich muss das mal eben verlinken... so, hier jetzt klicken und danach weiterlesen.

Nass, was? Fand ich ja ganz praktisch, als wir alle wieder in den Flieger durften, dass man dann eine Zeitung mit reinnehmen darf. Aber mit Lesen ist da ja nicht viel. Wenn man erst mal wieder in der Luft ist, dann koennen die Leute das kaum erwarten, ihre Rueckenlehne wieder runter zu machen - und das dann soweit es geht. Ich kann Euch sagen, das geht ganz schön weit. Der Kollege vor mir, der hatte schon ganz schuetteres Haar und das war irgendwie so fein und wollig. Ich musste da immer hingucken und allein der Gedanke, dass die Fussel da so dicht an meiner Nase sind, irgendwie eklig und unangenehm. Aber man will ja auch nicht durch unbotmässiges Verhalten auffallen. Was hätte es gebracht, sich bei der charmanten Stewardess zu echauffieren? Die werden sich schon etwas dabei gedacht aben, die Rückenlehnen soweit runter zu lassen. Aber wie gesagt, Zeitung lesen ging unter diesen Umständen ausgesprochen schlecht. Ich hätte mir man doch ein Taschenbuch kaufen sollen.

Ich versteh sowieso nicht, wie man in so einer Höllenmaschine schlafen kann. Irgendwas ist ja immer. Dauernd latschen irgendwelche Ausländer im Gang umher oder Kleinkinder fangen an zu krähen oder die charmanten Stewardessen schieben ihre Rollwagen duerch die Gänge. Ich hab mir das mal angesehen. Weil ich einen Gangplatz hatte konnte ich das Treiben ja erstklassig observieren. Die haben da irgendwie zwei Küchen in dem Flieger. Ich glaube ja, dass die vom Piloten bescheid kriegen. Wenn der Vogel steigen soll, dann schieben sie die Rollwagen ins Heck, damit der Steigflug leichter ist und wenn der Sinkflug eingeleitet wird, dann schieben sie alles wieder in die vordere Küche, damit das Sinken einfacher geht. Da muß es doch aber auch einfachere Lösungen geben.

Mit den krähenden Kindern ist das ja auch so eine Sache. Heutzutage haben die jungen Leute ihre Kinder doch noch gar nicht ganz an Land gezogen, da müssen sie erst mal auf Weltreise gehen. Zu meiner Zeit war man ja froh, wenn man mal einen Flieger in Fuhlsbüttel von weiten sehen durfte. Da konnte nicht jeder Hans und Franz mal eben mit Kind und Kegel nach Australien. Konnte sich ja keiner leisten, sowas. Aber heute hat das Fliegen soviel Flair wie Linienbus fahren. Fehlt nur noch, das man bald einen Fahrschein beim Piloten lösen muß: "Einmal Hamburg-Australien, das sind zwei Zonen mit Nachtzuschlag, macht 1.800, 50 Euro."

Naja, ich bin jetzt jedenfalls angekommen. Am Taxistand, am Flughafen ist mir aufgefallen, dass alle Taxifahrer aus Indien zu kommen scheinen. Freundliche Leute, da gibt es nichts. Ich frage mich bloss, warum die alle nach Australien kommen, zum Taxifahren. Gibt es denn einen Überschuss an Taxifahern in Indien? Naja, ich werde das mal bei Zeiten recherchieren. 

So, die Uhr ist jetzt schon halb zehn. Ich wohne jetzt erst mal im Hotel. Schön, dass die hier ein Internet haben. so konnte ich Euch allen erzaehlen, dass ich gut angekommen bin. Ist ja erst Nachmittags in Deutschland und ich bin auch noch überhaupt nicht müde, aber je eher ich mich an die Tageszeiten hier gewöhne, um so schneller kann ich hier aktiv werden und mir ein Rentnerdomizil suchen.

Schönen Gruß,

Onkel Paul