Liebe Daheimgebliebenen,
Hier nun beginnt mein Tagebuch vom anderen Ende der Welt. Ich bin noch vollkommen erschöpft von der langen Reise. In so einem Flieger ist das ja saueng, muss ich mal sagen. Da können die Stewardessen noch so charmant sein, das Bier noch so frisch, aber wenn man dann da so eingepfercht zwischen all den fremden Leuten sitzt, die Knie an der Rücksitzbank des Vordermannes, das kann schon ganz schön unangenehm werden. Ich bin ja aus Norddeutschland und der Norddeutsche ist ja im Allgemeinen größer als andere Rassen. Vielleicht sind wir Norddeutschen ja unnatürlich groß und Fluggesellschaften können da keine Rücksicht drauf nehmen, weil Durchschnittsmenschen eben in allem nur durchschnittlich sind, so auch in der Größe, weshalb es wohl keine Veranlassung gibt die Stühle in den Fliegern etwas weiter auseinander zu stellen...
Hier ist es jetzt Oktober und man hat mir gesagt, dass der Frühling um diese Jahreszeit in vollem Gange ist. Ha! Das ich nicht lache. Das soll hier vor zwei Tagen derart geschuettet haben, dass sie ueberall in Victoria Landunter hatten.
Ach ja - beinahe hätte ich ganz vergessen Euch zu erzaehlen, wo es mich hin verschlagen hat. Ich wohne ab heute in Melbourne und Melbourne ist die Hauptstadt von Victoria und in Victoria hat es aus Eimern geschuettet - also nicht heute, jetzt, aber vor zwei Tagen. Na, jedenfalls ist ja morgen, am Dienstag, das weltberühmte Pferderennen, der Melbourne Cup. Da spielt Melbourne verrückt. Alle Damen kaufen sich riesige Hüte und die Männer - so hat es mir die nette junge Dame auf dem Nebensitz im Flugzeutg erklärt - tragen an diesem einen Tag einen Anzug. Nun freuen sich die jungen Leute auf das Rennen und dann spielt das Wetter nicht mit. Und mir hat man immer erzählt, Australien sei ja so trocken. Hier ist mal ein Bild, das ich noch im Flugzeug gesehen habe. Also das hing da nicht an der Wand oder so, ich habe es in der Melbourner Zeitung, The Age, gesehen - man will ja informiert sein, wenn man ankommt. Wie sieht das denn aus, wenn man von den Ortsansässigen nach dem Tagesgeschehen gefragt wird und dann nur mit den Schultern zucken kann? Da wird man bestimmt als Ortsunkundig gemieden.
Achso - das Bild... moment, ich muss das mal eben verlinken... so, hier jetzt klicken und danach weiterlesen.
Nass, was? Fand ich ja ganz praktisch, als wir alle wieder in den Flieger durften, dass man dann eine Zeitung mit reinnehmen darf. Aber mit Lesen ist da ja nicht viel. Wenn man erst mal wieder in der Luft ist, dann koennen die Leute das kaum erwarten, ihre Rueckenlehne wieder runter zu machen - und das dann soweit es geht. Ich kann Euch sagen, das geht ganz schön weit. Der Kollege vor mir, der hatte schon ganz schuetteres Haar und das war irgendwie so fein und wollig. Ich musste da immer hingucken und allein der Gedanke, dass die Fussel da so dicht an meiner Nase sind, irgendwie eklig und unangenehm. Aber man will ja auch nicht durch unbotmässiges Verhalten auffallen. Was hätte es gebracht, sich bei der charmanten Stewardess zu echauffieren? Die werden sich schon etwas dabei gedacht aben, die Rückenlehnen soweit runter zu lassen. Aber wie gesagt, Zeitung lesen ging unter diesen Umständen ausgesprochen schlecht. Ich hätte mir man doch ein Taschenbuch kaufen sollen.
Ich versteh sowieso nicht, wie man in so einer Höllenmaschine schlafen kann. Irgendwas ist ja immer. Dauernd latschen irgendwelche Ausländer im Gang umher oder Kleinkinder fangen an zu krähen oder die charmanten Stewardessen schieben ihre Rollwagen duerch die Gänge. Ich hab mir das mal angesehen. Weil ich einen Gangplatz hatte konnte ich das Treiben ja erstklassig observieren. Die haben da irgendwie zwei Küchen in dem Flieger. Ich glaube ja, dass die vom Piloten bescheid kriegen. Wenn der Vogel steigen soll, dann schieben sie die Rollwagen ins Heck, damit der Steigflug leichter ist und wenn der Sinkflug eingeleitet wird, dann schieben sie alles wieder in die vordere Küche, damit das Sinken einfacher geht. Da muß es doch aber auch einfachere Lösungen geben.
Mit den krähenden Kindern ist das ja auch so eine Sache. Heutzutage haben die jungen Leute ihre Kinder doch noch gar nicht ganz an Land gezogen, da müssen sie erst mal auf Weltreise gehen. Zu meiner Zeit war man ja froh, wenn man mal einen Flieger in Fuhlsbüttel von weiten sehen durfte. Da konnte nicht jeder Hans und Franz mal eben mit Kind und Kegel nach Australien. Konnte sich ja keiner leisten, sowas. Aber heute hat das Fliegen soviel Flair wie Linienbus fahren. Fehlt nur noch, das man bald einen Fahrschein beim Piloten lösen muß: "Einmal Hamburg-Australien, das sind zwei Zonen mit Nachtzuschlag, macht 1.800, 50 Euro."
Naja, ich bin jetzt jedenfalls angekommen. Am Taxistand, am Flughafen ist mir aufgefallen, dass alle Taxifahrer aus Indien zu kommen scheinen. Freundliche Leute, da gibt es nichts. Ich frage mich bloss, warum die alle nach Australien kommen, zum Taxifahren. Gibt es denn einen Überschuss an Taxifahern in Indien? Naja, ich werde das mal bei Zeiten recherchieren.
So, die Uhr ist jetzt schon halb zehn. Ich wohne jetzt erst mal im Hotel. Schön, dass die hier ein Internet haben. so konnte ich Euch allen erzaehlen, dass ich gut angekommen bin. Ist ja erst Nachmittags in Deutschland und ich bin auch noch überhaupt nicht müde, aber je eher ich mich an die Tageszeiten hier gewöhne, um so schneller kann ich hier aktiv werden und mir ein Rentnerdomizil suchen.
Schönen Gruß,
Onkel Paul
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