Mannomanomann, das war vielleicht ein Wochenende, auf meine alten Tage.
Richard hat mich eingeladen, seine Freunde vom Deutschen Club kennenzulernen. Ich war davon ausgegangen, dass wir uns im Club treffen, ein Bierchen trinken und dann zeitig nachhause kommen. Nichts da: Es war Samstag Abend und wie man mir erklärte, würde die Nacht noch lang werden. Naja, ich habe mir dabei nichts weiter gedacht. Leute in meinem Alter sind es gewohnt mit Schonung bedacht zu werden. Mit anderen Worten, ab Zehn werden Bemerkungen lauter, die einem höflich aber bestimmt sagen, dass es Zeit wird für alte Herren nachhause zu gehen und sich in Bett zu begeben. Aber in Australien scheint Alter keine Rolle zu spielen. Die Herren schienen ernsthaft zu erwägen, um die Häuser zu ziehen.
Auf diesem Bild erkennt man die Kumpels von Richard. Das war dann auch der Tross, mit dem ich in die Nacht gezogen bin.
Natürlich war ich als Neuling in Australien sehr interressiert an den Geschichten der Vier. Das hilft vor allem vorzubeugen, um nicht in peinliche Fallen (Kulturelle Untiefen) zu tappen, in die andere schon gelaufen sind, aber auch um festzustellen, wie andere ohne Umschweife ans Ziel kommen in einer fremdartigen Kultur. Natuerlich hatten wir im Club schon ein paar Gläser Wein und ein paar Flaschen Bier gehabt – hier regt sich übrigens niemand auf, wenn man ein Bier einfach aus der Flasche trinkt. Mit Wein stellen sich die Australier in dieser Beziehung (aus der Flasche trinken) aber ähnlich an wie die Deutschen. Auch ich persönlich finde Wein aus der Flasche trinken ja ein wenig vulgär.
Jedenfalls hat Chris irgendwann vorgeschlagen, dass wir ein Woandershinwalking veranstalten sollten, was dann einstimmig angenommen wurde. Chris und Eric haben ihre Bierflaschen einfach mitgenommen. Ich war darauf eingestellt, dass wir mal eben um die Ecke gehen, aber wie sich schnell herausstellte, sollten wir mit Nahverkehrszügen von Winston bis nach Collingwood fahren, um im Gem abzusteigen. Ich muss sagen, die lange Reise hat sich gelohnt. In der Bahn wurde es ja auch nicht langweilig, weil Walter, Chris, Gerry, Eric, und mein Wohnungsgenosse Richard eine bereichernde Gesellschaft sind. Doch-doch, das muss mal ganz ehrlich gesagt werden: Ich habe mich ausgezeichnet mit den Herren verstanden.
Aber zurück zum Gem. Ein Gem ist auf Australisch quasi ein Edelstein. Und beim Klabautermann, was ist dieser Pub für ein schöner Edelstein. Ich hätte fast feuchte Augen bekommen, als ich den alten Bambusvorhang mit dem Hawaii-Mädchen drauf gesehen habe. Wie damals in den 60er Jahren in den Hamburger Hafenkneipen. Nee, was war das schön, mit den Schauerleuten in der Kneipe, gemeinsam die Lieder voller Sehnsucht und Fernweh singen, mit wildfremden Leuten anstoßen und sich gegenseitig Biere ausgeben. Und nun habe ich das auch hier, am anderen Ende der Welt. Natürlich gibt es die Schauerleute nicht mehr. Das ist ja alles längst vorbei und durch moderen Technologie verdrängt. Aber es läuft einem schon ein Schauer den Rücken herunter, wenn man an diese Zeit zurückdenkt.
Ich hab mich dann mit Gerhard (Gerry hört er eigentlich lieber, weil dann gucken die Leute nicht so komisch) zusammengesetzt und ihm erzählt, wie mich das Gem an die gute alte Zeit im Hamburger Hafen erinnert. Gerry stammt ursprünglich aus Danzig, in Polen und ist dann Anfang der 60er Jahre nach Deutschland gegangen, bevor er Ende der 60er nach Australien ausgewandert ist. Auch er hat in Danzig im Hafen gearbeitet und auch dort scheint es eine ähnliche Atmosphäre gegeben zu haben, wie in Hamburg. Ich sag immer, Hafenstädte haben ihr eigenes Flair. Gerry bemerkte dann auch, dass die Münchner gar keine Ahnung haben, was sie verpassen. Ich fand das dann auch sehr treffend und wir haben darauf noch ein Bier bestellt, aber vom Fass und auf unsere Hafenstädte (Melbourne, Danzig, Hamburg) und die deutsch-polnische Freundschaft angestoßen. Wie sich schnell herausstellte, kann ich das auf meine alten Tage gar nicht mehr so ab. Jedenfalls hatte ich in kürzester Zeit schon ordentlich einen im Tee. Aber mir war das egal, weil ich mich herrlich mit Gerry amüsiert habe. Richard, Walter, Chris und Eric sind dann irgendwann ins Taxi gestiegen und wieder nachhause gefahren, aber Gerry und ich haben dann noch ein zweites Woandershinwalking veranstaltet.
Anstatt in den nächstgelegenen Pub zu gehen haben wir uns auf Gerrys Vorschlag hin in ein Taxi gesetzt und sind nach Box Hill gefahren, um dort in den RSL (Returned & Services League) Club zu gehen. Ich hatte ja gehört, dass RSLs sowas wie Abstellkammern für alte Leute sind, aber Gerry sah das ganz anders und bestand darauf, dass wir dort noch mal reinschneien, weil man dort „immer (das hat er wirklich so gesagt) noch was aufreissen kann“. Ich hatte ja so meine Bedenken, schliesslich ist Box Hill fest in chinesischer Hand. Und was sollen alte Asiatinnen mit einem alten Kaukasier anfangen?
Als wir dann in den RSL gegangen sind stellte sich heraus, dass der Club doch recht gemischt war. Die Stimmung schien recht ausgelassen – war ja auch schon spät – und wir setzten uns an die Bar um noch einen Absacker zu bestellen. Der Kellner ließ kunstvoll zwei Pints einlaufen.
Zur Ansicht: Ein imperiales Pint mit noch etwas Flaschenbier drin. Man beachte den plumpen Fingerzeig mit dem Flaschenöffner, dass Flaschenbier abgefüllt wurde. |
Auf Wikipedia habe ich gelernt, dass ein imperiales Pint exakt 568,26128524935 cm³ sind. Das metrische Pint ("point" gesprochen) ist vergleichbar mit dem deutschen Halben (500cm³). Da die Ersten Einwanderer in erster Linie aus Mutter England kamen gehe ich davon aus, dass das hiesige Pint die 568,26128524935 cm³-Version ist. Ich behaupte das jetzt einfach mal.
Aber was ich eigentlich erzählen wollte ist, dass mir bei unserem Aufenthalt im RSL in Box Hill aufgefallen ist, wie jung alte Asiaten gegen alte Kaukasier aussehen. Wenn man zu einem Kaukasier in meinem Alter sagt, du siehst aus wie ein 25 jähriger Pfirsich, dann lacht sich alles scheckig. Sagt man sowas aber zu einer alten Asiatin, wird sie vielleicht nicht verstehen, worauf man hinaus will. Verstörung und Irritation können sich in einer solchen Situation schnell breit machen. Eilige Eklärungen sind da geboten, um Feindseligkeit zu vermeiden. Ich finde ja, alte Asiatinnen sehen auch noch mit 70 nicht aus wie 25 Jahre alte Pfirsiche. Im Gegenteil – eine 70-jährige Asiatin sieht meistens sogar besser aus als ein Pfirsich, der nur eine Woche in der Obstschale bei Raumtemperatur verbracht hat. Nachdem ich diese Feststellung gemacht hatte konnte ich auch verstehen, was Gerry mit „was aufreissen“ meinte. Ausserdem habe ich mir sagen lassen, dass Asiatinnen auf die Augen schauen und nicht auf den Körperbau, was ich sehr beruhigend fand.
Wie gesagt, wir hatten zwei Barhocker an der Theke geentert und begutachteten das kunstvolle Füllen der Pintgläser durch den Kellner. Obwohl meine Sinne schon deutlich getrübt waren – und ich kann normalerweise noch sehr gut gucken für mein Alter – vernahm ich ein helles Lachen, dass von weiter die Theke runter kam. Als ich an Gerry vorbeischaute, konnte ich die beiden asiatischen Grazien erkennen, die mir dann auch lächelnd zuwinkten. „Land des Lächelns“ fiel mir dazu sofort ein, obwohl damit, glaube ich, Japan gemeint ist. Egal. Ich lächelte zurück und winkte auch. Gerry schaute zu mir auf und fragte mich, warum ich ihm denn winken würde, wo wir doch vis-a-vis sitzen. Ich erklärte ihm die Situation und dann dauerte es gar nicht lange, bis wir Vier um einen Tisch saßen. Flugs hatten die beiden Damen ein Kennenlernschäumchen in der Hand, ausgegeben von mir natürlich. Gerry und ich stellten uns vor und die Damen taten dasselbige. Allerdings konnte ich mir die Namen einfach nicht merken. Irgendwas mit Li und Chi oder so. Ich weiss nur noch das wir alle miteinander herumgealbert haben, uns über unsere Sprachen (Deutsch, Englisch und Chinesisch) amüsiert haben. Kurz danach weiss ich gar nichts mehr. Ich kann mich bis heute nicht daran erinnern, wie ich überhaupt wieder nachhause gekommen bin. Es ist Jahrzehnte her, dass ich derart betrunken war. Richard hat mir dann am folgenden Tag Gerrys Telefonnummer gegeben und ich habe ihn angerufen und gefragt, ob er noch was weiss über den Abend. Doch auch er konnte sich an nichts erinnern. Wir haben dann eine Konspirationstheorie entwickelt. Wahrscheinlich haben die beiden uns KO-Tropfen gegeben um uns auszurauben. Aber mein Portemonnaie war noch da und auch Gerry vermisste nichts.
Erst zwei Tage später, ich hatte das Wochenende schon ganz vergessen, da ist mir etwas sehr unangenehmes passiert. Als ich beim Chemist war (das sind hier sowas wie Mischungen aus Apotheke und Drogerie) und eine Packung Kopfschmerztabletten bezahlen wollte, viel mir ein Foto aus dem Portemonnaie. Ich wäre dem Foto sehr dankbar gewesen, wenn es auf den Boden gefallen wäre, aber nein, es musste vor der Kassiererin auf dem Tresen landen – Bild oben, natürlich.
Ich habe das Bild hastig in meine Sakkotasche verschwinden lassen, aber der Blick der Kassiererin liess keine Zweifel daran, dass sie die Sittenpolizei ruft, wenn ich das nächste mal in diesem Geschäft auftauche. Hier brauchte ich mich also gar nicht mehr blicken lassen. Natürlich habe ich Richard das Bild gezeigt und der hätte sich vor Lachen fast nass gemacht, aber Gerry war ebenso wie ich peinlich berührt. Sollten vielleicht irgendwann in der Zukunft weitere Bilder auftauchen? Die beiden Asiatinnen vom RSL-Club und wir? Nackt? Nicht auszudenken. In jedem Fall haben Gerry und ich beschlossen in der nächsten Zeit unsere sozialen Abende auf den Deutschen Club zu beschränken.
Ich hoffe bloß, dass Richard jetzt nicht bei seinen Freunden mit der Geschichte von dem Foto hausieren geht. Dann brauchen wir auch nicht mehr im Deutschen Club aufzutauchen.
Das kommt davon, wenn man mit Kapowski kopeister geht – aber immer noch besser als bei Sonnenunterang nachhause zu fahren und vor dem Fernseher einzuschlafen, wie das gewissen Dritten, deren Vorname mit R anfängt gelegentlich passiert...
Lieben Gruss,
Onkel Paul


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