Donnerstag, 25. November 2010

In Australien gibt es sogar Dramseln!

Heute haben Richard und ich einen faulen Tag verbracht. Nachdem es die letzten Tage ziemlich heiss und windig war, hat es gestern Abend angefangen zu regnen. Mit dem Regen kam die Abkühlung und jetzt ist es schon wieder richtig ertraeglich. Wir haben es uns in dem Patio an der Vorderseite des Hauses gemütlich gemacht. Richard hat in seiner Garage nicht nur einen, sondern zwei Klappstuehle gefunden. So richtig Originale, wie sie die damals in den Stummfilmen hatten, wo die Schauspieler sich drin verfangen haben, oder die Finger geklemmt haben. Leider war an dem einen der Bezugsstoff schon so morsch, dass ich da gleich mit einem lauten Krachen durchgesessen bin. Plötzlich hing ich mit meinem Hintern zwischen zwei Hälften, von dem was mal ein Bezug war. Naja, Richard hat mir dann aus dem Schlamassel geholfen und wir sind dann auch gleich zu Bunnings gefahren, um da einen neuen Klappstuhl zu holen. Bunnings muss man sich so vorstellen wie Max Bahr oder Praktiker oder OBI, aber nur viel größer und fast so weit verbreitet wie McDonalds. Jeder Vorort, der was auf sich hält hat einen Bunnings. Die haben aber auch fast alles da – sogar die guten Deutschen Werkzeuge und nicht nur das billige Zeug aus China. Andererseits sind die deutsche Produkte hier schon sowas wie Luxusartikel, wenn man die Preise vergleicht. Richard meinte dann aber auch, dass sich die Anschaffung deutscher Produkte lohnt. Überhaupt sei alles aus Europa viel besser als der Kram aus Asien. Das hält dann auch länger, als von zwölf bis Mittag.

Naja, jedenfalls habe wir dann den Klappstuhl in Richard seinen Wagen geklappt und sind dann flugs zurück nach St. Kilda gefahren.

Und als wir dann da so sassen und dem Treiben auf der Strasse und in den Bäumen und an den Zäunen beobachteten ist mir aufgefallen, dass ich schon wieder eine Dramsel zwitschern hören konnte. Mir ist das in der letzten Zeit schon öfters aufgefallen und ich habe Richard dann gefragt, ob es hier Dramseln gibt. Er wußte erst gar nicht wovon ich geredet habe und dann habe ich ihm erklärt, dass man in Norddeutschland keinen Unterschied macht zwischen Amseln und Drosseln.
Fink und Star schon, aber nicht Dramseln. Das ist alles ein und dasselbe. Naja, Richard ist ja auch soviel Ornithologe wie ich Ethnologe bin. Jedenfalls hat er mir erzählt, dass das Gezwitscher von den „Dramseln“ (das hat er dann immer so betont langgezogen) ihn immer an Deutschland erinnert. Wie sich herausstellte scheint wohl eines dieser Exemplare hinter Richards neuem Zaun zu sitzen. Und manchmal kommt sie in seinen Garten, vor allem wenn es geregnet hat und sucht den Rasen nach Würmern ab. Und wenn sie dann mit herumpuhlen im aufgeweichten Boden fertig ist, dann fliegt sie wieder auf den Zaun und macht sich da immer erst mal den Schnabel sauber.




Richard meinte, dass sie dann immer links und rechts den Schnabel an der Oberkante von den Zaunlatten abwischt. Seiner Meinung nach liegt es nicht an den Termiten, dass die Zäune so schnell kaputt gehen. Das liegt an den „Dramseln“, weil die immer die Reste von zerkauten Würmern und Käfern an derOberkante der Zaunlatten abwischen und das lockt dann Bakterien und Kleininsekten an. Und diese Bakterien und Kleininsekten nisten sich dann unter den Essensresten, in den Zaunlatten ein und warten nur darauf, dass es bald wieder frisch Abgewischtes gibt. Und das ist der Grund, warum Zaunlatten in Australien immer von oben nach unten faulen.

Also ich weiss ja nicht, was ich davon halten soll. Ich kann ja nicht zu Richard sagen, dass ich noch nie sowas albernes gehört habe oder dass das hahnebüchener Quatsch ist. Ich habe mir dann lieber selbst den Mund verboten, bin nach drinnen gegangen und hab noch zwei neue Biere aus dem Kühlschrank geholt.

In diesem Zusammenhang sei gesagt, dass ich glaube, dass der Australier im Allgemeinen von der Nutzung von Werkzeug abstand nimmt. Ein Beispiel sind Bierflaschen. Während man in Deutschland einen Flaschenöffner benötigt, kann man die Kronkorken hier einfach abdrehen. Nennt sich Twist-Off Cap. Mit Weinflaschen ist das nicht anders. Während man in Deutschland zum Teil schweres Werkzeug ansetzen muss, damit der Korken sich aus der Flasche herausbitten lässt, haben hier fast alle Flaschen Schraubverschlüsse. Ich weiss noch, wie ich die Nase gerümpft habe, wenn ich in Deutschland eine Flasche mit Schraubverschluss gesehen habe. Das war für mich immer Billigwein, der normalrweise für zwei Euro in Zweiliterflaschen angeboten wurde – Steinadler oder so, mit Gratiskopfschmerzgarantie. Hier verkaufen sie sogar Wein im Karton. Jaja, ich weiss, das tun sie in Deutschland auch. Aber hier sind keine Flaschen im Karton. Das muss man sich wie ein Faß im Weinkarton vorstellen. Da ist aussen ein kleiner Zapfhahn dran und in dem Karton ist ein großer Plastiksack, voll mit Wein. Richard hat mir gesagt, dass es bei ihm Jahre gedauert hat, bis er sich daran gewöhnt hat. Wenn er z.B. zum Doppelkopp eingeladen ist, gibt es da manchmal Wein aus dem Zafhahn und der soll gar nicht schlecht sein. Naja, ich kann mir das immer noch nicht so richtig vorstellen. Wein aus der Schraubverschlussflasche: mit Zögern. Aber aus dem Karton? Ich kann sowieso nur Halma, da muss ich da also nicht mit hin, zum Doppelkopp. Ich stell mir immer vor, dass man zum Weinhändler seines Vertrauens geht und dort anfragt, „guten Tag, können Sie mir Ihren 2008er Chateau de Carton empfehlen?“

Kann man doch nicht machen oder? Naja. Wir haben den Tag jedenfalls schön mit ein paar Bieren und Würstchen vom deutschen Schlachter ausklingen lassen.

Australien gefällt mir immer besser, vor allem, wenn man nach dem dritten Bier diese gewisse Leichtigkeit empfindet, dieses mit allem einverstanden sein, weil es ja sowieso eigentlich egal ist, weil alles prima ist.

Mannomann, ich hab ganz schön einen im Tee. Da mach ich wohl mal besser Schluss für heute. Ich glaub‘, ich kann das auf meine alten Tage gar nicht mehr so gut ab.

Liebe Grüsse,

Euer Paul

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