Mittwoch, 9. November 2011

GRI - Das neue Alkohol-Am-Steuer

Nachdem nun mein Hausgenosse Richard im letzten Monat etwas zum Thema Passwörter geschrieben hat, fühle ich mich im höchsten Masse motiviert auch mal etwas zum Thema Technologie zu sagen.

Ich weiss ja nicht, wie es Euch geht, wenn ihr auf der Strasse unterwegs seid - besonders in der Stadt. Ich habe den Eindruck die Text-Message-Süchtigen werden auch immer mehr. Dauernd muss man irgendjemandem ausweichen, der einem mit gesenktem Kopf und nachgezogenen Füssen entgegenkommt, während er mit heftig zirkulierendem Daumen auf sein Mobiltelefon eintippt. Der einzige Unterschied zu Zombies ist, dass Texter keine Zeit haben zu beissen. Aber wer weiss, vielleicht kommt das auch noch.



Kürzlich habe ich mich bei meinem Hausarzt, Dr O'Keefe, eines Gesundheitschecks unterzogen und ihn mal gefragt, ob diese neue Marotte der jungen Leute eigentlich gefährlich ist. Wie sich heraus stellte habe ich da eine Büchse der Pandora geöffnet. Neben seiner Praxistätigkeit arbeitet er auch Teilzeit, in der Notaufnahme des Alfred Hospitals in St. Kilda. Er versicherte mir, dass vor nicht allzu langer Zeit ein junger Patient in die Notaufnahme kam. Obwohl der Verdacht bestand, dass er sich das Schienbein gebrochen hatte, schien der Patient an diesem Umstand überhaupt kein Interesse zu zeigen. Dr O'Keefe war der Meinung, man könne zu diesem Patienten wohl nur noch per SMS durchdringen:

"PING! Sie haben eine neue Nachricht:
Hallo! Hier ist Dr O'Keefe, Ihr Arzt, der Sie gerade in der Notaufnahme des Royal Alfred Krankenhauses behandelt. Ich war gerade dabei Ihre Krankengeschichte aufzunehmen, um etwas zu beheben, das wie ein gebrochenes Scheinbein aussieht. Da Sie aber mehr mit Ihren Text-Messages beschäftigt sind, habe ich mich dazu entschieden, meine Aufmerksamkeit derweil anderen Patienten zu widmen. Was halten Sie davon, mir eine Rückmeldung zu schicken, wenn Sie mit ihren anderen Messages fertig sind?"

Natürlich hat Dr O'Keefe eine solche Message bisher nicht geschickt. Aber in Anbetracht der Sachlage, dass immer mehr Jugendliche der Generation Y den Weg in seine Praxis finden, mit Symptomen von GRI (Gadget Related Injuries - sowas wie Mobilgeraetbedingte Verletzungen, also MGBV), ist der Gedanke sehr reizvoll.

Dr O'Keefe versicherte mir, dass in den letzten acht Jahren, in denen er in der Notaufnahme gearbeitet hat, die Anzahl der GRIs drastisch zugenommen hat. Mich wundert das ja nicht. Man muss sich nur mal in der Rush Hour in Melbourne an den Strassenrand stellen und einfach beobachten, was da so los ist. Ich muss zugeben, ich war beeindruckt. In der Zeit, in der ich die Leute beobachtete, die an einer Kreuzung auf das grüne Männchen warteten, war ungelogen mindesten einer von Dreien damit beschäftigt, entweder an seinem Mobiltelefon, I-Pod oder MP3-Player herumzufummeln. Diejenigen an vorderster Front wurden von vorbeirauschenden Bussen und Lastern nur um Zentimeter verfehlt, während sie vollkommen damit in Beschlag genommen waren, zu texten, zu tweeten, zu boppen, mit Onlinespielen herumzudaddeln oder ihren Facebookstatus zu aktualisieren. Die Ampel schaltete auf grün und ohne auch nur einmal kurz aufzuschauen schafften es die Zombies aneinander vorbei auf die andere Strassenseite, während sie weiter vor sich hin fummelten und dabei keinen einzigen Menschen umrannten. In der Wissenschaft heisst dieses Phänomen "komplexes adaptives System". Anhand dieser Systeme wird erklärt, wie Vögel und Fische es in Schwärmen vermeiden, bei hoher Geschwindigkeit im Chaos zu versinken. Während die Generation Text offensichtlich die Regeln komplexer adaptiver Systeme verinnerlicht hat, sind die restlichen zwei Drittel von uns mit komischen Tänzen beschäftigt, in dem verzweifelten Versuch herauszufinden, wer nun wohin geht und in welche Richtung man am besten ausweichen kann.

Dennoch, die Zeichen der natürlichen Auslese stehen gegen die Generation Text, welche auch auf Rolltreppen, Trimmrädern, Laufbändern, ja sogar freihändig vor dem Urinal texten. Unfälle sind vorprogrammiert. Ich habe mal zu diesem Thema auf Youtube recherchiert und es gibt tatsächlich eine Videoaufnahme aus einem amerikanischen Shopping Center, in dem eine Passantin textenderweise schnurstracks in einen Springbrunnen stolpert.

Wie die Amerikaner so sind - als solches laut und selbtverliebt, aber überfordert mit einfachen Dingen - suchen sie anschliessend nach jemandem, den sie verklagen können. Wenn ich also dieser Logik folgend in den USA mein Auto an einem Baum zu Schrott fahre, verklage ich das Gartenbauamt, weil sie mir einen Baum in den Weg gepflanzt haben. Naja, das ist ein anderes Thema...

Es gibt noch weitere Beispiele. So ist z.B. in New York eine Texterin durch ein offenes Gulliloch, in den Abfluss geplumpst. Auch diese Kandidatin denkt daran zu klagen.


Mir fällt es schwer NICHT über solche Vorfälle und die tragischen Protagonisten zu lachen, die andere wegen ihrer eigenen Unfähigkeit verklagen wollen.

Wenn ein Jugendlicher auf der Strasse vor sich hin radelt, keinen Helm auf hat, dafür aber einen Kopfhörer und seine gesamte Aufmerksamkeit auf sein I-Phone richtet - ist das nicht eine neue Form von Darwinismus? Eine Welt der natuerlichen Auslese, in der der Stärkere überlebt und der Dümmere sich selbst aus der Nahrungskette entfernt?

Dr O'Keefe könnte einen ganzen Abend mit Anekdoten über GRI-Vorfälle füllen. Die einzige Geschichte, die nicht in der Rubrik Unfall durchging war ein älteres, klappbares Mobiltelefon, das den Weg in ein unglückseliges Rektum gefunden hatte. Dr. O'Keefe erklärte mir lachend, dass er gern auch mal an dieses Telefon getextet hätte - mal sehen wie das klingt, wenn die Message empfangen wurde... Dennoch, er ist einer derjenigen, die GRIs alles andere als witzig finden. In der Notaufnahme laufen keine chronischen Fälle von verletzten Fingern, Daumen, Handgelenken und Sehnen ein - auch Nintendonitis oder Wii-Knie genannt - es sind in der Mehrzahl gebrochene Handgelenke oder Frakturen der Knöchel und Schienbeine, sowie ausgekugelte Schultern. Dr O'Keefe erklärte mir, dass Texter lieber ihr mobiles Gerät schützen, wenn sie fallen, als ihren Körper. Die Unfallstatistiken liegen versteckt in Verkehrsunfällen und Stolper- und Fallverletzungen, in denen die Gadgets zwar Auslöser des Ungemachs  sind, aber in der Beschreibung der Vorfälle in den Hintergrund treten. Ausserdem ist da noch der Peinlichkeitsfaktor. Wie Dr O'Keefe treffend formulierte, wer gibt schon gern zu, dass er textenderweise die Rolltreppe hinuntergefallen ist, gegen einen Pfeiler oder in einen Springbrunnen gelaufen ist. Kleinere alkoholbedingte Unfälle sind stets ein Grund zur allgemeinen Belustigung; Vorfälle die im Zusammenhang mit Text-Messaging passieren sind in der Regel uncool und hochnotpeinlich. Einige darunter auch tödlich.

Im letzten Jahr soll eine Passantin mit Kopfhörern auf dem Kopf in einen Krankenwagen gelaufen und überfahren worden sein. Zeugen berichteten, dass der Krankenwagen zum gegebenen Zeitpunkt die Sirenen an hatte. In der Nähe von Geelong wurde eine 86-jährige getötet, als das Auto in dem sie mitfuhr von einem 19-jährigen Fahrer gerammt wurde. Der Unfallverursacher hatte in den 20 Minuten vor dem Unfall zwei  Telefonanrufe gemacht und acht Textnachrichten verschickt. In einem Parkhaus in Melbourne fiel ein junger Mann aus dem 7. Stock und verunglückte tödlich, weil er mit Texten abgelenkt war, als er zwei seiner Freunde zu ihrem Auto begleitete.  Ein 52-jähriger Tri-Athlet und Vater von drei Kindern wurde in Lake Maquarie beim Fahrradtraining getötet, als ein Fahrer ohne Führerschein mit Texten beschaeftigt war und ihn von hinten überrollte. Im Oktober wurde eine 15-jährige in Melbourne von einem Zug erfasst, während sie mit Kopfhörern ihrem I-Pod lauschte.

Dieses Gemetzel zeigt auf, wie abgelenkte Gadgetbenutzer sich und Andere in Gefahr bringen. Es gibt verschiedene Studien die sagen, dass das Benutzen eines Mobiltelefons während der Fahrt die Unfallwahrscheinlichkeit vervierfacht und dass die Reaktionszeiten denen eines angetrunkenen Autofahrers entsprechen. Besorgte Versicherer behaupten, dass in 2011 geschätzte 11 Milliarden Textmessages allein in Australien während der Fahrt erstellt und abgeschickt werden.



Mit diesen Zahlen im Hnterkopf, wer wagt sich da noch mit gesenktem Kopf über die Strasse?  

Im letzten Jahr hat das Pedestrian Council of Australia (PCA) die Werbekampagne, 'Lambs to the Slaughter' (Laemmer ins Schlachthaus) gestartet. Schafsköpfige Fussgänger laufen bei rot über die Ampel, ausgestattet mit allen möglichen mobilen Geräten. Der Sprecher der PCA, Harold Scruby sagt, dass sich eine GRI-Epedemie ankündigt.

Neuere Studien aus den USA ergeben, dass über 16000 tödliche Unfälle in Verbindung mit Text-Messaging stehen. In 28% der Fälle sind Mobiltelefone die Ursache. Weil Hersteller von Mobilgeräten hemmungslos die Risiken heruntergespielt haben und Kundenaufklärung über Regelungsmassnahmen stellen, werden sie inzwischen von einigen Seiten mit der Zigarettenindustrie verglichen. Während dessen sehen Anwälte eine neue lukrative Niche für ihre Arbeit, weigern sich Versicherer, nachlässige Autofahrer zu versichern und befindet sich Oprah Winfrey auf einem persönlichen Kreuzzug, um Autos zu einer No-Phone-Zone zu machen.

Der US Verkehrsminister hat die Absicht erklärt, alle mobilen Kommuniktionsgeräte aus Fahrzeugen zu entfernen. Behörden verfeinern ihre Gesetze und erhöhen die Strafen und erweitern den gesetzlichen Einflussbereich in einigen Fällen auch auf Fussgänger.

Einige glauben, dass der Bevormundungsstaat wahnsinnig geworden ist, aber Leute wie Dr O'Keefe haben wenig Hoffnung für Alternativen. "Junge Leute glauben, das sie unverwundbar sind und lassen sich auch nach schweren Unfällen umgehend wieder von ihren Gadgets ablenken. Dr O'Keefe kennt einen Kollegen, der berichtete, dass ein Patient Aufnahmen mit seinem Mobiltelefon machte und das Video an seine Freunde schickte, während sein Kollege ihn wieder zusammennähte. Solche Patienten werden wahrscheinlich sogar noch ihren Status updaten, waehrend sie auf dem Sterbebett den Löffel abgeben. Gleichzeitig weist er aber auch darauf hin, dass die Unfallrate in Australien seit 1990 um die Hälfte gesunken ist, weil die Regierung dem Volk weitgehend die Macht entzogen hat, sich selbst und andere umzubringen. "Stellen Sie sich nur mal das Schlachtfest vor, wenn es keine Alkoholtests, Sitzgurte, Fahrzeugsicherheitsstandards und Fahrradhelme geben würde". In der Litaeratur werden Phänomene wie GRI als ein entstehendes Verletzungsvermeidungs- problem beschrieben (an emerging injury-prevention concern), aber fuer Dr O'Keefe ist es schlicht die neue Version von Alkohol am Steuer.

Ich muss dazu aber auch ergänzen, dass es erheblich leichter ist in Australien an einen Führerschein zu kommen als in Deutschland. Man klebt sich ein gelbes Quadrat mit einem schwarzen L auf's Auto, setzt sich auf den Beifahrersitz und dann darf Sohnemann oder Töchterchen ans Lenkrad. Die Verkehrsbehörde ist erst dann involviert, wenn es zur Prüfung kommt. Bewusstsein schaffen für ethische Regeln im Strassenverkehr sind dann allein der Fantasie des Beifahrers mit Führerschein - Freund, Freundin, Mamma, Pappa - überlassen. Und wenn der Spross dann 18 ist, dann kann er sich eine Höllenmaschine mit V8 Motor und 400 PS besorgen und damit seine Kumpels um die Blöcke fahren. Dass man mit so einem Auto nicht brav am Kanntstein entlangschleicht ist doch wohl bar jeder Diskussion oder? Und dann schön mit 110 im Feierabendverkehr den Highway runter, den Kumpels texten, dass man gerade mit 110 den Highway runter fährt, die Freundin anrufen, dass man gerade auf dem Weg zu ihr ist und nur noch 5 Minuten braucht etc. pp.

Ich bin ja nun schon eine ganze Weile aus Deutschland weg, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es da auch so ein Problem ist, weil Fahrschule Pflicht ist und Bewusstsein für die Gefahren des Textens während der Fahrt erzeugt wird - vielleicht auch mit drastischem Bildmaterial. Die TAC (Tranport Accident Commission) ist für derartige Antiwerbung in Australien zuständig. Aber im Moment beschäftigen sie sich noch mit traditionellen Problemen, wie zu schnellem Fahren und Drogen am Steuer.



Zum Thema Mobiltelefon im Auto habe ich noch nichts gesehen. Wäre dann aber wohl auch ziemlich drastisch in der Umsetzung, denke ich...

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Mittwoch, 5. Oktober 2011

Onkel Pauls Australientagebuch: Passwort Tuning (Gastblog von Richard Peters)

Onkel Pauls Australientagebuch: Passwort Tuning (Gastblog von Richard Peters): Mahlzeit allerseits. Ich bin derjenige, bei dem Paul untergekommen ist, in St. Kilda, nicht weit entfernt von der Bucht. Es ist gut in unse...

Passwort Tuning (Gastblog von Richard Peters)


Mahlzeit allerseits. Ich bin derjenige, bei dem Paul untergekommen ist, in St. Kilda, nicht weit entfernt von der Bucht. Es ist gut in unserem Alter jemanden um un zu haben. Wir kennen uns vom deutschen Club Tivoli, wo ich auch Anderen helfe, mit ihren Computern klar zu kommen.

Um das Thema, mit-Computern-klarkommen geht es heute auch. Ist eigentlich mal jemandem aufgefallen wofür man alles Passworter braucht? Heute schon wieder: Ich will mich an einer Forumsdiskussion beteiligen - schwupps, soll ich mich schon wieder registrieren.


Aber, was kann ein Sterblicher im Zeitalter des fortgeschrittenen Hackings eigentlich tun, um seine Daten wirklich zu schützen?
Ich werde mir nicht schon wieder ein neues Passwort ausdenken. Mein Passwort wird auch niemals einen Mix aus Buchstaben, Nummern und Symbolen enthalten. Mein Passwort bleibt so, wie es schon immer war – vielleicht um eine Nummer ergänzt, wenn erforderlich. Aber diese Nummer wird immer null sein. So wichtig es auch für anderer Leute Website ist, dass mein Passwort so toll ist, dass es andere Passwörter auf einer Passwörter-Cocktailparty beeindrucken kann, bleibt es für mich am wichtigsten, dass ich mir mein Passwort merken kann. Wenn ich ein Ass darin wäre, mir irgendwelche bedeutungslosen Informationsschnipsel zu merken, wäre ich mit meinem Talent längst in einer  Quizshow aufgetreten. Kann ich aber nicht und bin ich deshalb auch nicht.
Ich benutze ein und das selbe Passwort für jedes Website, an dem ich mich anmelde. Als ich kürzlich mein Passwort verwendet habe, um es am Website der Gibsons Research Corporation testen zu lassen, wurde ich darüber informiert, dass es im Rahmen eines Hackerangriffs  in knappen 37,61 Sekunden geknackt werden würde. Ich glaube aber eher, jetzt, wo ich mein Passwort für den Test preisgegeben habe, geht es noch viel schneller.
Ich bin mir durchaus bewusst, dass es in der nahen Vergangenheit eine Reihe and Cyberattacken gegeben hat in denen riesige Mengen an Passwörtern gestohlen wurden. Im Juni veröffentlichte die Cyber Hacking Gruppe LulzSec (Motto: Lacht seit 2011 ueber Ihre Sicherheitseinstellungen) Namen, Emailadressen, Passwörter, Geburtstage und Anschriften von über 37000 Sonykunden. Im Dezember letzten Jahres hat eine Gruppe mit dem Namen Gnosis mehr als 200000 Emailadressen und Passwörter von registrierten Benutzern des Gawker Websites veröffentlicht.
Jedoch, immer wenn Sicherheitsprobleme dieser Güte sich auftun, sind die Experten schnell zur Hand um die Opfer als Schuldige zu entlarven. Sie behaupten, wir handeln wie Neanderthaler, wenn wir uns Passwörter ausdenken, die nur Kleinbuchstaben und Nummern enthalten. Jede zurückgebliebene Auster könne solch ein Passwort knacken. Leute, die sich mit der Sicherheit von Websites beschäftigen glauben, dass die Vernunft es gebietet, dass alle Welt sich für jede Anmeldung ein anderes Passwort ausdenkt und sich diese alle auch merken kann. Weiterhin wird erwartet, dass Passwörter alle paar Monate überarbeitet (upgedatet) werden, dass dabei kyrillische Buchstaben verwendet werden und dass keines der vielen Passwörter Rückschluesse auf unser Leben oder die Art wie wir denken zulässt. Und warum ist das alles so? Weil Sicherheitsexperten Nerds sind. Aus reinem Spass an der Freud merken Nerds sich die Namen der Monde von Tatooine. Vom wahren Leben haben sie aber keine Ahnung. Sie kommen nicht mal drauf, sich auszumalen, wie es wohl ist, wenn ihre Mutter irgendwann stirbt und sie jedes mal im Falle einer Sicherheitsabfrage bei der Registrierung heiter nach dem Mächennamen ihrer Mutter gefragt werden.
Ein weiteres Problem ist, dass das meiste wofür nach einem Passwort gefragt wird die Mühe überhaupt nicht lohnt. Ich sehe z.B. keinen Grund dafür, mir irgendeinen kryptischen Strang aus Symbolen zu merken, bloss um mir Alternativ Country Musik auf Pandora anzuhören oder um mir die neuesten Tweets von Justin Bieber durchzulesen.
Um meinem Frust über den Passwort-Overkill Luft zu machen habe ich mich an Diana Smetters vom Google Sicherheitsteam gewand. Sie hat mir erklärt, dass sie ein simples System für ihre eigenen Passwörter hat. Sie schreibt sich diejenigen Passwörter auf, die sie nicht regelmässig nutzt und schliesst sie in einen Feuergeschützten Safe in ihrem Haus ein. Ehrlich gesagt kann mir nichts tragischeres ausmalen als jemanden dem das Haus inklusiver seiner gesamten Habe über dem Kopf  abbrennt und diesem Jemand fällt dazu nichts besseres ein als, “naja, macht nichts, zum Glück kann ich sicher sein, dass meine Internet Passwörter überlebt haben”. 

Frau Smetters hat einen Doktor der Philosophie auf dem Spezialgebiet der Computationalen Neurowissenschaften (zwei eindrucksvolle Begriffe, die sich für mich auf den ersten Blick gegenseitig ausklammern) und einen eigenen Algorithmus anhand dessen sie ihre Passwörter zusammenstellt. Ihr Vorschlag war, dass ich mir ein Wort suche - sowas wie Fussball - und einen beliebigen Buchstabe gross schreibe (sowas wie “fussBall”) und dann ein Ausrufungszeichen ans Ende setze (also “fussBall!”). Dann sollte ich das erste Wort oder den ersten Satz anhängen, an den ich denke, wenn ich Einlass zu einem speziellen Website begehre. Also habe ich mir für meinen Online-Banking-Zugang das Passwort “fussBall!HierWirdManAuchNurVerarscht” ausgedacht.
Aber das ist ziemlich einfach nachzuvollziehen. Also habe ich mich an Kevin Mitnick gewendet. 
Herr Mitnick ist ein etwas grösseres Kaliber. Er führt ein Sicherheitsberatungsunternehmen, nachdem er fünf Jahe in Haft verbracht hat für Hacking Attacken. Er schlug vor, dass ich vier Selbstlaute aufschreiben sollte, von vier Mitlauten unterbrochen. Das Ergebnis könne man sich sehr einfach einprägen – “ixulatev” – hallo? Bin ich Klingone oder was? Die einzig sinnvolle Anwendung die mir für dieses System einfällt, ist damit Namen für verschreibungspflichtige Medikamente zu erfinden. Herr Mitnick ergänzte noch zu seinen Ausführungen, dass es viele Leute gibt die ihre Initialen vor ein Wort setzen, das sie beschreibt. Ich schlug deshalb “rpSteinalt!” vor. Wir unterhielten uns noch weitere fünf Minuten in denen er ohne mein bewusstes zutun meinen Geburtstag, meine Sozialversicherungsnummer, meine Adresse und den Mädchennamen meiner Mutter herausgefunden hatte. Die Konversation mit Herrn Mitnick hatte etwas beunruhigendes, als ob er noch mehr über mich wüsste. Sehr private Dinge eben, aber ich hatte auch das Gefühl, dass er davon nicht sonderlich beeindruckt war.
Herr Mitnick schlug mir zum Ende des Gesprächs noch vor, mich beim zweistufigen Google Anmeldeprozess zu registrieren. Ich könnte diese Anmeldung für eine Vielzahl von anderen Websites anwenden. Irgendwas mit einem Prozess zu dem es gehört, ein Foto von einem Barcode auf meine Bildschirm, mit meinem Mobiltelefon zu fotografieren oder so... 

Ich muss sagen, das scheint ein wirklich effektives Sicherheitssystem zu sein – selbst, nachdem ich mir ein Video darüber zum wiederholten Male angesehen habe, verstehe ich immer noch kein Wort. Aber keine Frage, im Grossen und Ganzen fühle mich schon sehr viel sicherer, aber ich befürchte auch, dass ich mich auf einen sehr beschwerlichen Weg begeben habe, an dessen Ende die Anschaffung einer feuersicheren Safes steht.   

Schönen Gruss soll ich noch von Paul ausrichten. Der ist nächsten Monat wieder dabei.

Richard              

Freitag, 2. September 2011

Esskultur und Fernsehen - zwei Welten prallen aufeinander...

Als Rentner hat man ja viel Zeit, um sich mit Dingen wie Fernsehen zu beschäftigen. Wie sinnlos diese Beschäftigung sein kann lässt sich zur Zeit in Australien an dem schieren Overkill an Kochsendungen ablesen. Nachdem nun diverse Sendungen ausgelaufen sind, in denen man sich erwartungsvoll anstarrte und hoffte, dass man nicht aus der Sendung fliegt, weil man zu fett ist und einfach nicht abnimmt, starrt man sich nun an und hofft, dass man nicht rausfliegt, weil das Essen, was man in den letzten viereinhalb Stunden zubereitet hat nicht bei den Chefköchen und Gastronomiekritikern durchfällt.

Ich kann hier, in St. Kilda, in Richards Haus ohnehin nur fünf Sender empfangen. Aber auf allen fünf Sendern wird mampfend mit den Augen gerollt und sich gegenseitig versichert, wie wunderbar doch die fritierten Leberwurstmedaillons mit geviertelten Kresseblaettern schmecken, oder irgendeine andere kulinarische Albernheit. Warum sagt nicht mal einer der Fernsehköche sowas wie, "Mein Gott! Das schmeckt ja scheisse!"

Auf dem TV-Sender ABC laufen
The Chef and the Cook
Poh's Kitchen
Jim Stein's Far Eastern Odyssey
Bill's Tasty Weekend

Channel 7
Mercurio's Menu

Channel 9
Sunday Roast

Channel 10
Masterchef
Jamie's 30 Minute Meals

SBS 1
The Future of Food
Gourmet Farmer

Anstatt das Fernsehpublikum mit albernen Rezepten zu nerven, in denen z.B. Johannisbeeren mit Spinat gefüllt werden oder versucht wird ein Tellergericht besonders zur Geltung kommen zu lassen durch hochkant stehende Spiegeleier, sollte man vielleicht mal über den Benimm in der Küche ein paar Worte fallen lassen. Neulich hat Richard mal den Kochlöffel geschwungen. Als er sich gebückt hat, um den Schweinebraten in die Röhre zu schieben hat er gefurzt. Ich muss dazu sagen, dass ich im Wohnzimmer war und gerade ein ausgezeichnetes Bier verköstigte, als ich das typische Klappern und Scheppern vernahm, das wohl jeder kennt, der erst mal Roste und Bleche aus dem Ofen zerren muss, um überhaupt Platz zu haben für den Braten. Gerade als er nämlich schabenderweise das Backblech in den Ofen schob knatterte er auch schon los.

Nicht nur, dass ich mir plötzlich einbildete, dass das Bier nun einen schwefeligen Beigeschmack hat, ich finde auch, dass man sich in der Küche zusammenreissen sollte. Auch wenn's pressiert, sollte man doch in der Lage sein, seinen Körper soweit zu beherrschen, dass anwesende Dritte nicht in emotionalen Aufruhr versetzt werden. Was ich auch gar nicht mag ist, wenn Leute sich mit einem abwesenden Blick, quasi in Trance an den Nasenhaaren herumpopeln oder nach einem Schatz suchen, der sich weiter im Inneren des Nasenstollens befinden muss. Da ist es dann auch egal, ob das in der Küche oder anderswo passiert - z.B. an der Kasse im Supermarkt, vor dem Geldautomaten, oder am Tisch in einem Restaurant.

Was ich auch nicht verstehe ist, dass Richard erst dann das ganze Gerümpel aus dem Ofen zerrt, wenn der Ofen heiss ist. Naja, er kocht halt nicht jeden Tag.

Womit wir dann wieder beim Essen sind: Käthe, eine unserer Bekannten von Deutschen Club (Club Tivoli) hat uns letztes Wochenende besucht. Eigentlich wollten wir nur nach Hawthorn, um in der Glennferrie Road in einem netten Strassenkaffee zu frühstücken. Stattdessen sind wir dann wahnsinnig spontan etwa 100km den Mornington Peninsula hinunter gefahren, bis an die Südostspitze, wo sich Flinders befindet. Vorher haben wir noch einen Abstecher gemacht nach Cape Shank. Das ist quasi in der Mitte des Südendes des Mornington Peninsulas. Ein Felsvorsprung mit einem malerischen Leuchtturm. Ich kann das nur jedem empfehlen, der mal aus der Stadt raus möchte oder mal an einem malerischen Ort verweilen möchte ohne Horden japanischer Fototouristen oder laut palavernder chinesischer Reisegruppen.

Das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht erzählen. Ich wollte von Flinders und essen erzählen. Als wir also in Flinders angekommen waren, schlug Käthe vor, dass wir drei (Käthe, Richard und ich) die kleine Hauptstrasse des Ortes mal abflanieren sollten. Während des Flanierens fiel uns ein malerisches Kaffee auf, dass mal ein schönes Holzwohnhaus gewesen sein muss. Jedenfalls gingen wir hinein um im Cafe eine Bestellung aufzugeben. Zunaechst stand am Tresen des Kaffees eine Schiefertafel auf der geschrieben stand: Flathead Fillets - $ 45.- KG. Das war das erste Kaffee das ich je gesehen habe, wo es Fisch zu kaufen gab. Wer weiss, vielleicht hatten sie ja auch Ersatzreifen in der Tiefkühle... Dann stellte sich heraus, dass es keine Nummerntafeln gab, wie sonst ueblich in Australien, die man mit an seinen Tisch nahm. Stattdessen hatte jeder Tisch eine Nummer. Vom Besucher wurde erwartet, dass er sich einen Tisch aussucht und dann zum Tresen geht, die Bestellung aufgibt und die Wunschtischnummer erwähnt. Bis das alles geschehen war, konnte sich draussen jemand anders an den Tisch gesetzt haben. Wir hatten aber Glück und Tisch 18 war immer noch frei, als wir wieder nach draussen auf die Veranda gingen. Neben uns, an Tisch 17, nahm ein Päärchen Platz. Als sie feststellten, dass man nach drinnen muss, um eine Bestellung aufzugeben, hatten sie die kluge Idee, ihre Plätze bereits mit Besteck und Serviette einzudecken und die Stuhllehnen nach vorn, an die Tischkante zu stellen. Kaum waren sie verschwunden, kam eine der Bedienungen, stellte die Stühle wieder normal hin und räumte das Besteck und die Servietten ab. Kurze Zeit später tauchte das Päärchen wieder auf und nahm den Tisch wieder ein, weil sich auch in ihrem Fall glücklicherweise noch niemand an den Tisch gesetzt hatte. Aber jetzt wird's noch besser. Natürlich wurden sie im Kaffee nach ihrer Tischnummer gefragt und die Serviererin wird daraufhin Tisch 17 anlaufen, um dort die bestellten Sachen zu servieren. Jedoch entscheidet sich das Päärchen, sich weiter hinten, in eine ruhigere Ecke zusetzen. Natürlich ist die Serviererin ratlos, als sie einen leeren Tisch vorfindet. Wir waren dann so freundlich und haben der jungen Dame erklärt, dass sich das Päärchen etwas weiter hinten hingesetzt hat.

Ganz ehrlich, wir drei hätten gern den gesamten Nachmittag in dem Kaffee verbracht um dem chaotischen Treiben zuzusehen. Wir hatten noch auf der gesamten Fahrt zurück nach St. Kilda unseren Spass mit dem Erlebten, in dem wohl am chaotischsten organisierten Cafe auf dem Peninsula.

Ein anderes Erlebnis der eher bizarren Art muss ich noch los werden. Wer sich in Melbourne auskennt wird wissen, dass die Vororte Box Hill und zunehmend auch Doncaster in die Hand der Chinesen gefallen sind. In Doncaster befindet sich das Westfield Shopping Town. Ein riesiger Konsumtempel mit zu wenig Parkplatz - zumindest am Wochenende. Richard musste einen IPod besorgen und im Westfield Shopping Center ist wohl der grösste Apple Store Melbournes. Jedenfalls sind wir da letzten Donnerstag, am späten Nachmittag hingefahren, mit Richards Auto. Nachdem sich Richard ausgiebig beraten lassen hat und ich inzwischen jede Ecke des Ladens erkundet hatte sind wir noch schnell nach Ladenschluss zum Coles Supermarkt gelaufen und haben dort etwas Abendbrot gekauft. Ich hatte mal wieder Lust auf Hering in Tomatensosse mit Graubrot - das gibt es da. Die Heringe importiert aus der Heringseindosungshochburg Harrislee.

Als wir dann wieder zurück zu unserem Wagen gingen, war das Parkhaus schon ziemlich leer und draussen war es auch schon dunkel. Vielleicht war das der Grund, warum eine Chinesin älteren Datums in einen imaginären viereckigen Parcour auf dem Parkdeck herumjoggte. Chinesen werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben. Sie tun Dinge, die uns Westlern einfach bizarr oder irrational erscheinen. Aber wer weiss, vielleicht denkt die Chinesin auch, dass die ganzen Westler bescheuert sind, weil sie das Parkdeck nicht fuer eine abendliche Körperertüchtigung benutzen.

Egal. Richard und mir haben die Heringe auf Graubrot ausgezeichnet geschmeckt. Und Richard freute sich, dass er nichts in die Bratröhre schieben musste, das einen unkontrollierten Furz hätte auslösen können. Bleibt zu hoffen, dass ich nicht auch bald so auseinanderfalle...

Montag, 25. Juli 2011

Onkel Pauls Australientagebuch: Hausrezept des Tages gegen Rachenreizung

Onkel Pauls Australientagebuch: Hausrezept des Tages gegen Rachenreizung: "Ich habe ja Sagenhaftes zutage gefoerdert, quasi in einem Selbstversuch. Die Problematik war folgende: Vor Kurzem bin ich mit dem Bus von..."

Hausrezept des Tages gegen Rachenreizung


Ich habe ja Sagenhaftes zutage gefoerdert, quasi in einem Selbstversuch. Die Problematik war folgende: Vor Kurzem bin ich mit dem Bus von St. Kilda nach Williamstown gefahren. Richard brauchte den Wagen und musste wieder irgendwelchen Leuten helfen, die mit ihren Computern ueberfordert sind.

Naja, ich habe den den Tag an der Uferpromenade von Williamstown verbracht, den Blick ueber die Skyline von Melbourne und die davorliegende Bucht schweifen lassen. Flugs ware es schon wieder gegen vier Uhr Nachmittags, als ich wieder den Bus gen St. Kilda erklommen habe. Woran ich nicht gedacht hatte war, dass in Australien die meisten Kinder ja Ganztagsschule haben und vor vier gar nicht aus der Schule kommen. Naja, wie es halt so kommen muss, stieg dann an einer Haltestelle eine Horde Halbwuechsiger ein. Natuerlich war hinter mir die Bank frei und prompt draengelten sich zwei Maedchen mit Rucksaecken an mir vorbei, die jedem Scherpa zu ehren verholfen haetten. Ich moechte bloss mal wissen, was da alles drin ist. Wozu braucht man den noch tonnenschwere Buecher im Zeitalter des Internet? Naja – ist ja auch egal.

Jedenfalls war mit den Rucksaecken ja noch nicht genug Ungemach im Anmarsch, nein, jeder halbwegs konsumbewusste Schueler in Australien deckt sich nach der Schule erst mal mit allerlei ekligen Zuckersaeften ein, die in Jumbopappbechern dargereicht werden, wiederlich nach Kunststoff riechen, in babyblau oder irgendeiner anderen Uebelkeit erregenden Farbe daherkommen und die Angewohnheit haben sich gleichmaessig in oeffentlichen Verkehrsmitteln zu verteilen. Die beiden Maedchen hatten sich mit irgendeinem nach warmem Fett und Ketchup riechenden Fastfood und diesen Fluessigkeiten eingedeckt und sassen nun hinter mir auf der Bank. Damit nicht genug. Die eine musste dann auch noch erkaeltet sein und wie es kommen muss, Schlabberzeug in der einen Hand, Schmierburger in der Anderen, Rucksack auf dem Schoss – wohin mit dem Auswurf des Niesers? Na? Natuerlich, in einem feinen Spruehregen, in meinen Nacken.

Klar war ihnen das peinlich, aber wie das halt so ist mit Jugendlichen, sind sie in diesem Alter ja leicht zu unterhalten. Besonders Maedchen. Natuerlich war ich in kuerzester Zeit das Tuschelthema im ganzen Bus. Gott war mir das peinlich, dabei war das alles gar nicht meine Schuld. Jedenfalls musste ich dann umsteigen und hatte dann auch wieder meine Ruhe.

Spaeter am selben Abend vernahm ich dann ein unangenehmes Kratzen im Hals. Ein Kratzen von der Sorte, die einem sagt, dass sich Bakterien mit ihren scharfen Krallen in die Faeltchen der Schleimhaeute verankern und dort erst mal fuer Roetungen und bellendes Gehuste sorgen.

Als ich dann irgendwann keine Lust mehr auf Fernsehen und Hustenunterdruecken hatte – Richard sass schon lange mit nach vorn geklapptem Kopf in seinem Ohrensessel – bin ich ins Badezimmer gegangen, hab mein Gebiss gereinigt und dann erst mal einen ordentlichen Schluck Mundwasser genommen, den ich dann tief in den Hals rinnen liess, bis sich ein Reizhusten ankuendigte und mich dazu zwang schleunigst den Kopf nach vorn zu werfen um das Mundwasser in den Ausguss und nicht gegen den Spiegel zu prusten.

Bloede Goeren dachte ich noch zu mir, waehrend ich auf die Mundwasserflasche starrte. Beim Starren dachte ich an das Wort Desinfektion und Desinfektion liess mich in Gedanken meine Nasenhoehlen herabwandern, durch die auch die kleinen Bakterien gekommen waren, nachdem sie einen halben Tag auf meinem Hals unterwegs gewesen sein mussten. Ich sag ja immer, Schleimheute sind das Eldorado der Bakterien.

Ich machte die Mundwasserflasche wieder auf und kippte eine kleine Menge des rosa transparenten Zeugs in die Kappe. “Warum nicht auch die Nase damit desinfiziren”, dachte ich so bei mir und zack hatte ich schon den Zeigefinger in der Fluessigkeit, hob die nasse Fingerspitze an mein Nasenloch und saugte das Mundwasser tief in mich ein.

Sensationell! Mundwasser ist also auch Nasenwasser und kann Schwellungen lindern. Und das Schoene ist, wenn man einen ordentlichen Zug Mundwasser durch die Nase schnieft, dann laeuft einem das Zeug bis in den Rachen.

Natuerlich quollen mir die Augen aus den Hoehlen, weil desinfizierende Fluessigkeiten nicht gerade sparsam mit aetherischen Oelen vermengt sind. Das reizt ganz schoen. Ich aber war auf einer Mission um das Gekratze und Geschniefe loszuwerden und es funktionierte tadellos.

Allerdings meldeten sich die kleinen Quaelgeister am naechsten Tag wieder. Wahrscheinlich hatten ihre Vorfahren bereits durch ihr Tun eine gewisse Wundheit verursacht, die es der Folgegeneration nur um so einfacher machte sich dort wieder einzunisten. Das hielt mich nicht davon ab, den Selbstversuch erneut zu starten und wieder erstaunliche Ergebnisse zutage zu foerdern, doch langfristig ist Mundwasser nicht die ideale Loesung. Wer aber schnell und ueber Nacht eine Schlacht schlagen moechte gegen unliebsame Genossen im eigenen Koerper, der sollte das ruhig mal ausprobieren. Und ueber Nacht hat man auch einen angenehmen Geruch in der Nase. Ein Geruch von klinischer Reinheit. Wie eine frisch geputzte Toilette.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Onkel Pauls Australientagebuch: Was trinkt der Australier in der Trockenzeit? Bier...

Onkel Pauls Australientagebuch: Was trinkt der Australier in der Trockenzeit? Bier...: "Der Deutsche ist ja bekannt dafuer, dass er gern Bier trinkt. In Europa wird der Deutsche ja auch wegen seiner Biertradition geehrt. Allerdi..."

Was trinkt der Australier in der Trockenzeit? Bier!

Der Deutsche ist ja bekannt dafuer, dass er gern Bier trinkt. In Europa wird der Deutsche ja auch wegen seiner Biertradition geehrt. Allerdings ist es mit der Ehre nicht mehr soweit her, seit das Reinheitsgebot nur noch fuer diejenigen gilt, die daran festhalten wollen. Viele Brauereien haben ja inzwischen alle moeglichen Zusatzstoffe in ihrem Bier. Manchmal wundert man sich, dass das noch als Bier durchgeht… Und dann gibt es Leute, die trinken Bier aus der PET-Flasche. Ekelhaft! Wahrscheinlich dauert das gar nicht mehr lange und es gibt Bier aus der Tube – auf’s Brot schmieren kann man sich Bier ja inzwischen auch.

Wie diejenigen meiner geneigten Leserschaft, die meinen Blog schon seit laengerem Folgen wissen, sind mein Hausgenosse Richard und ich dem Traditionsgebraeu auch nicht abgeneigt. Im Gegenteil – wir koennen regelmaessig auf der Terrasse unseres Hauses in St. Kilda beobachtet werden, waehrend wir dem Muessiggang froehnen und eine gute Flasche Bier geniessen.

Als Rentner darf man sowas ja und man muss sich dafuer nicht mal schuldig fuehlen.

An einem dieser Nachmittage im April, wenn die Sonne nicht mehr so hoch steht und die Temperaturen nicht mehr 24 Grad uebersteigen, haben wir uns in unserem Patio bei einem Bierchen ueber Bier im Allgemeinen unterhalten. In Verlauf der Unterhaltung kam Richard auf die Idee, dass er ein deutsches Bier nennen wuerde und ich solle daraufhin ein australisches Bier erwidern. Wem zuerst keins mehr einfaellt, der hat verloren. Als wir so etwa beim 20sten Bier angekommen waren, wurden die Pausen zwischen meinen Antworten immer laenger, weil ich immer angestrengter nach Biersorten suchte, die ich noch nicht genannt hatte. Als Richard dann anfing auch noch haehmisch zu grinsen, habe ich ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass ich unter Muessiggang etwas anderes verstehe, als mein Hirn bei der Suche nach australischen Biermarken zu martern. Er hatte es ja einfach – seit er vor Ewig und drei Tagen aus Deutschland nach Australien ruebergemacht hatte ist ja nicht viel passiert in der Deutschen Bierlandschaft, ausser, dass das Reinheitsgebot bald nicht mehr das Papier wert ist auf dem es vor vielen hundert Jahren gedruckt wurde. Aber das hatten wir ja bereits. Die meisten Marken, die er von damals kannte existieren ja heute noch. 

Apropos deutsche Biere. Dazu faellt mir gerade ein, dass ich kuerzlich auf einer Radwanderung mit dem Deutschen Club, auf dem Lilydale-Warburton Railtrail, ein paar deutsche Rentner ueberholt habe. Nicht nur, dass sie Rabeneick Fahrraeder hatten (wahrscheinlich auch ruebergemacht), der maennliche Fahrer in dieser Triade hatte sogar Rennradkluft an, was –wie ich finde- auf einem schweren Dreigang Rabeneick Stahlross etwas uebertrieben, wenn nicht sogar albern aussieht. Aber das wollte ich gar nicht erzaehlen. Was mir besonders auffiel war, dass sein Lycra Renndress mit dem Konterfei der Rothaus Brauerei aus dem Schwarzwald bedruckt war. 
Wie kommen die Leute in Australien bloss an sowas ran? Haette ich ihn doch bloss gefragt, anstatt nassforsch an diesem Moechtegernrennradfahrer auf dem Rabeneick Stahlross vorbeizupreschen.

Na, jedenfall hat Richard nach meinem Ausfall enschieden, dass er erst mal seinen Laptop anschmeissen wird um mal im Internet nachzuschauen, welche Biermarken es in Australien noch alles gibt. Ich habe mich dann dazugesetzt und ihm beim Browsen (“brausen” ausgesprochen) im Internet ueber die Schulter zu schauen. Wie nennt man das eigentlich, wenn man zu viel im Internet war? Browsebrand?

Egal, heutzutage hat ja praktisch jede australische Kleinstadt ihre eigene Brauerei. Weil sie so klein sind, nennt man diese Brauereien Boutique Breweries. Manchmal sind das einfach nur Bierliebhaber, die in ihrer Garage angefangen haben ihr eigenes Bier zu brauen. 

Einige Biere, die wir bereits probiert haben, sind folgende:

Red Back – ein herrlich frisches Weizenbier aus Westaustralien. Gezapft und verkorkt von Matilda Bay Brewing Company. Ich weiss nicht wie die das machen, dass das Bier nach 3000km Reise immer noch so gut schmeckt. Eine Empfehlung: Gut gekuehlt an heissen Tagen.


Bohemian Pilsener – ein sehr leckeres Pilsener, aus der selben Brauerei, wie das Red Back. Das ist so lecker, dass es sogar einen Preis gewonnen hat. Empfehlung: Sehr empfehlenswert fuer Freunde eines frischen Pils.

White Rabbit – ein herrlich trockenes Bier, mit ordentlich Hopfen. Es kommt aus Healesville, am Suedzipfel des Yarra Valley, etwa eine Stunde von Melbourne entfernt. Man kann auch in der Brauerei ein Glaeschen trinken. Empfehlung: Nicht unbedingt in groesseren Mengen kaufen. 24 Flaschen 0.33 Liter kosten $ 64.-. Definitiv eines der teureren Biere. Grossbrauereien bieten mitunter 24 Flaschen fuer $ 38.- an, aber im Schnitt zahlt man fuer gute Biere $45 – 50.

Fat Yak – Ein weiteres, sehr sueffiges und hopfiges Bier der Matilda Bay Brewing Company. Es geht runter wie Kartoffelchips, nur nicht so trocken. Hat man erst mal angefangen hat man auch schon die sechste Flasche in der Hand. Empfehlung: Ruhig bis zur sechsten Flasche durchhalten. Man hat auch dann noch keine pelzige Zunge.

James Squire Amber Ale: Schmeckt wie Ducksteiner*, nur nicht so suess. Hat auch die bernsteinerne Farbe. Schmeckt aus der Flasche, kann man aber auch an der Theke in jedem guten James Squire Pub bekommen. Empfehlung: Eher nicht sechs Flaschen von trinken, sonst setzen Kopfschmerzen ein. Zungepelz setzt auch schon frueher ein, weil es sehr malzig ist. 

James Squire Pilsener – niemand kann Pilsener so gut wie die Chechen (oder Slovaken) in Plzen. Von da kommt ja auch die Pilsener Brauart. Aber James Squire Pilsener laesst wehmut nach einem Pilsner Urquell schon mal aufkommen. Herrlich hopfiges Bier aus der James Squire Brewery.

Little Creatures Pale Ale – Pale Ale hat ja die Angewohnheit etwas labberig zu sein und ist Koelsch nicht ganz unaehnlich. Allerdings wird Bier hier nirgends in Vedauerli-Glaesern, sondern in vernuenftigen Bierglaesern angeboten, sofern man nicht zur Flasche greift. 


Empfehlung: Das Little Creatures in der Brunswick Street in Melbourne besuchen. Sehr gemuetliches Ambiente und zu einer umfangreichen Auswahl an Little Creatures Bieren gesellen sich auch Fabrikate anderer, kleinerer Brauereien. Auch ich durfte rein, ohne mich fragen lassen zu muessen, ob ich hierher kaeme um zu sterben, wie man es von Schanklokalen gewohnt ist, die besonders bei der eher einfach gestrickten Jugend frequentiert werden.

Ein paar weitere Empfehlungen unsererseits waehren Boags Premium Lager, Tooheys Extra Dry, Beez Kneez (mit Honig, auch sehr gut), Mountain Goat und viele andere mehr.

Die oben aufgefuehrten Biere sind natuerlich nur nach unseren persoenlichen Vorlieben ausgewaehlt worden. Auch fuer uns gibt es noch unheimlich viele Biersorten zu probieren. Inzwischen fangen ja auch Winzer an, ihr eigenes Bier anzubieten. Ist ja auch kein Wunder -  Bier brauen geht so einfach, dass Supermaerkte hier ganze Kanister mit allen Zutaten fuer den kleinen Bierbrauer anbieten. Wer sich aber professionell mit dem Bierbrauen beschaeftigen moechte kann das auch tun. Es gibt Spezialgeschaefte, in denen man alles bekommt, was der Bierbrauer benoetigt: Von Gummistiefeln ueber die Gummischuerze und den Kupferkessel bis zum Maischefass. Fuer jeden Geldbeutel etwas.

So, nun habe ich aber genug geschrieben fuer heute. Ich sag mal Prost und gesell mich noch etwas zu Richard auf den Patio, um dem Treiben auf der Strasse zuzusehen. Nicht, dass man mich falsch versteht, aber nichts ist schooner als Anderen bei ihrem Gang zur Arbeit und wieder zurueck zuzuschauen und zu wissen, das ist ein fuer alle mal vorbei.

*Es gibt uebrigens seit Anfang der 90er Jahre ein Ducksteiner in West Australien.


  

Sonntag, 27. März 2011

Onkel Pauls Australientagebuch: Graf Lambsdorff vs Wolfgang Schäuble

Nun ist es schon wieder zwei Monate her, dass ich mich gemeldet habe. Obwohl es mir leid tut, hat es mir auch gut getan. Man ist ja im Alter nicht mehr so agil und dann kann es schon passieren, dass man schnell erschöpft ist. Jedenfalls ist es mir so ergangen, weshalb ich meinen Laptop (Jawoll! Laptop, nicht Labtop - die Dinger haben mit Labors nix zu tun. Man hält sie auf den Oberschenkeln, quasi im Schoß, während man darauf herumtippt. Lap = Schoß) erst mal ins Regal gepackt habe, um mich mal etwas anderem zu widmen.

Da fiel mir dann ein, dass ich lange kein Puzzle gelöst habe. Also habe ich mir eines gekauft, mit 1500 Teilen. Wenn schon, denn schon - die grauen Zellen mal wieder auf Vordermann bringen. Aus Deutschland kenne ich praktisch keine anderen Puzzles als die immer gleichen  Berge, Seen und Schlösser. Aber was aus der alten Heimat, im weitläufigsten Sinne sollte es schon sein. Also habe ich mein Laptop wieder ausgepackt und erst mal nach Puzzles gesucht.

Erstaunlicherweise werden auch hier, in Australien, die guten Ravensburger Puzzles vertrieben. So habe ich mir dann einen Klassiker von Van Gogh gekauft.Es sieht zwar aus wie alle van Gogh-Bilder, als ob er es mit Maurerkeller und Kleisterpinsel gemalt hätte, aber das Motiv ist dann doch recht ansprechend.

Es heisst Cafeterrasse. Was ich nicht wusste ist: Die gelbe Fläche kann einen wahnsinnig machen. Die Teile sehen praktisch alle gleich aus. Ebenso ist es mit dem blauen Himmel und der Tanne, die von der Seite ins Bild ragt. Naja, ein Ohr habe ich mir deswegen nicht abgeschnitten, aber ich war ein paar mal kurz davor.

Inzwischen habe ich es fasst fertig. Wie gesagt, das Gelb...

Wahrscheinlich hat auch mein Verstand gelitten. Vor zwei Tagen bin ich morgens aufgewacht, nachdem ich davon geträumt hatte, dass sich Otto Graf Lambsdorff und Wolfgang Schäuble im Radio in den Haaren lagen. Man war sich auf dem Flohmarkt als Händler begegnet und warf sich nun gegenseitig lauthals unlauteren Wettbewerb vor. Während ich mir das Gepöbel anhörte, war ich damit beschäftigt, das Metallgehäuse eines Autoradios mit Sojasosse einzupinseln. Dazu benutzte ich weder Mauererkelle noch Kleisterpinsel, sondern einen USB-Stick.

Wahrscheinlich würde sich der Psychologe, dem ich das ohne Vorwarnung erzähle, ein Ohr abschneiden.

Glücklicherweise verfüge ich für gewöhnlich über einen ruhigen Schlaf und Träume sind eher selten. Ich habe später Richard von diesem Traum erzählt, worauf er mir verständnisvoll auf die Schulter klopfte und erzählte, dass er mal geträumt hatte, dass George Bush und Donald Rummsfeld ihn mal in einem Fish'n'Chips Takeaway bedient hätten. "Sie währen sehr freundlich und zuvorkommend gewesen".

Wir haben und daraufhin erst mal ein Bier aufgemacht und uns vor der Tür in unsere Klappstühle gesetzt. Ein kühles Bier, nette Gesellschaft - was will man mehr...

Samstag, 22. Januar 2011

Onkel Pauls Australientagebuch: Devonshire Tea

Onkel Pauls Australientagebuch: Devonshire Tea: "Um gleich vorweg eine brennende Frage zu klären, die mir kürzlich von Lesern meines Blogs gestellt wurde: Richard hat seine Spaghetti NICH..."

Devonshire Tea

Um gleich vorweg eine brennende Frage zu klären, die mir kürzlich von Lesern meines Blogs gestellt wurde:


Richard hat seine Spaghetti NICHT zerschnitten. 

Wie ich bereits in meinem letzten Tagebucheintrag erwähnt hatte, gab es zum Abendbrot Spaghetti in unserer WG der reiferen Herren. Da ich noch nie fuer uns Spaghetti gekocht hatte und ich es nicht ausstehen kann, wenn meine Gaeste ihre Spaghetti zerschneiden, hatte ich gedroht, Richards Essen durch’s Klo zu jagen, sofern er sich zu dieser Barbarei hinreissen lassen würde. Hat er aber nicht gemacht, weshalb er also an jenem Abend auch in den Genuss einer Warmen Mahlzeit gekommen ist.

Heute nun, möchte ich Licht in das Dunkel bringen, das Devonshire Tea umgibt. Wer in Australien Urlaub gemacht hat, wird sicherlich festgestellt haben, dass in Australischen Bäckereien und Cafe’s nichts mit derartiger Hingabe angeboten wird wie Devonshire Tea. Wenn man durch die kleinen Orte auf dem Land fährt oder durch die Randbezirke der Grossstädte, in denen Cafes und Bäckereien noch eine Darseinsberechtigung haben, stellt man schnell fest, dass überall Devonshire Tea auf Werbetafeln feilgeboten wird, die dem Fusswegbenutzer vor den Geschäften in den Weg gestellt werden.
Ich muss zugeben, dass ich mich auf Urlaubsreisen nach Australien immer gefragt habe, was an diesem speziellen Tee denn nun so toll sein soll. Ich war immer der Meinung gewesen, dass der Australier, dessen Kulturerbe auch heute noch vorwiegend aus England importiert ist, langweilige Tees wie Earl Grey oder Orange Pekoe bevorzugt. Und nun gesellt sich dieser ominöse Devonshire Tea auch noch dazu. Weiterhin sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass Australien sich in Sachen Kaffee schwer gesteigert hat. Eine Einkaufsstrasse oder ein Einkaufszentrum, das etwas auf sich hält nennt zumindest ein Cafe sein Eigen. Und dort bestellt die hiesige Kundschaft nicht etwa Tee, oder gruseligen Instant Kaffee, der hier durchaus seine Kundschaft findet. Es wird frisch gemahlener Kaffee angeboten; und zwar in den exotischsten Formen:
  •     Skinny Latte
  •     Tchai Latte
  •     Cappuchino
  •     Long oder Short Black
  •     Latte Macciato
  •    Hot Skinny Latte Macciato, one sugar
  •    Small, Medium, Large, Pot or Mug
Etc. pp.

Was sucht dort Devonshire Tea auf der Werbetafel? 

Wer sich wie ich kulturell assimilieren will, anstatt dauernd darüber herumzunörgeln, was in Deutschland besser ist, was es hier nicht gibt und was die Australier nicht können, habe ich mir eines zum Prinzip gemacht: Ich stelle Fragen. Hart und direkt.

Vor ein paar Tagen habe ich Richard wieder zum Deutschen Club begleitet. Dort stiessen wir auf Käthe und Hermine, auch Rentner wie wir und Stammgaeste im Club. Da es Kaffeezeit war und wie jeder gebildete Mensch weiss, Essen der Sex des Alters ist, beschlossen wir zusammen Kaffee zu trinken. 

Richard hat dauernd Angst, dass er zu fett wird und dass sein Colesterinspiegel neue Spitzenwerte erreicht. Dabei ist er fast so dürre wie ein Stabhochspringer. 


Kennt eigentlich noch jemand Carlo Tränhart? 

Egal. Richard bestellte sich einen schlichten Milchkaffee, ohne was dabei. Ich war schon drauf und dran mir meine übliche Vanilleschnitte mit Kaffee zu bestellen, da entschlossen sich Käthe und Hermine zu Devonshire Tea – mit Kaffee!

Ich war natuerlich von den Socken und habe sie erst mal gefragt, ob sie denn nichts essen wollten, worauf Käthe mich in einem eher belehrenden Ton anpampte, dass sie doch geraede Devonshire Tea bestellt hatten. Ich habe dann sofort zurückgepampt, dass man Tee ja wohl nicht essen könne und wie barbarisch es wäre, gleichzeitig Kaffee und Tee zu trinken. Ich führte weiterhin aus, dass man mit meiner Stimme rechnen könne, wenn Leute mit derartigen Geschmacksentgleisungen den Löwen zum Frass vorgeworfen werden und dass ich lieber einen von diesen fürchterlichen Earl Grey trinken wuerde als Tee und Kaffee gleichzeitig.

Käthe und Hermine rollten mit den Augen und Richard schlürfte an seinem Kaffee, als ob ihn das alles nichts angehen würde. Irgendwie redeten wir aneinander vorbei, das hatte ich im Gefühl. Offensichtlich wussten die Drei etwas, das mir bisher entgangen sein musste.

Hermine erklärte mir letztendlich folgendes: Devonshire Tea hat nichts mit Teesorten zutun. Devonshire Tea bezieht sich darauf, wie man zur Teestunde in Devonshire zu speisen pflegt. Es ist also ein traditionelles, Englisches Teegedeck, und mitnichten eine schäbige Tasse voll mit dünnem Aufgussgetränk. Das Gedeck besteht aus sogenannten Scones (ausgesprochen, „Skonns“), Jam and Cream. Scones sind sowas wie kleine Brötchen oder Semmeln aus Kuchenteig. Ich habe mir weiter erklären lassen, dass es in Australien wahre Meisterschaften im Scones Backen gibt. Das muss man sich so vorstellen wie Chilli-Wettbewerbe in Texas, nur nicht so scharf. Jedenfalls wird zu diesem Backwerk ein Töpfchen mit Schalgsahne und ein Töpchen mit Marmelade (vorwiegend Himbeere oder Erdbeere) gereicht. Dazu bekommt man ein Messer, um die Scones aufzuschneiden, mit Marmelade zu beschmieren und einen ordentlichen Klacks Sahne obendrauf zu packen.
Ich fühlte, wie mein Bildungsstand sich erweiterte und was ich da erfuhr klang so interessant, dass ich mich den beiden Damen in der Wahl des Teegedecks anschloss. 


 Ich muss sagen, das schmeckt wahnsinnig gut und niemand guckt komisch, wenn man sich lieber einen Kaffee, als einen Orange Pecoe oder einen Earl Grey dazu bestellt. Sogar der colesterinbewusste Richard gierte die ganze Zeit auf meinen Teller. Ich habe ihm dann einen halben Scone abgegeben. Man ist ja kein Unmensch. Richard erwähnte dann noch, dass es ein tolles Ausflugsziel in den Dandenong Mountains geben soll. In dem Ort Sassafras ist Miss Marples Tea Room zuhause. 


Ein kleines Kaffee in dem es die köstlichste Himbeermarmelade der südlichen Hemisphere zum Devonshire Tea geben soll. Er erwähnte auch, dass es gar keinen Sinn macht dort am Wochenende zu versuchen einen Platz zu bekommen. Dann tauchen in den Dandenongs nämlich Busscharen mit Touristen auf, die alle nach einem vorgefertigten Plan abgefertigt werden – im Stundentakt. Als Rentner sind wir ja fein raus, wir können dort auch hin fahren, wenn die arbeitende Bevölkerung ihre Kinder in die Schule geschickt hat und selbst ihrem täglichen 9-5 nachgeht.

Wieder was gelernt. Ich muss sagen, ich fühle mich schon ganz schön australisch. Jetzt kann auch ich mit den Augen rollen, wenn mal wieder irgendsoein Hinzugereister keine Ahnung hat, was Devonshire Tea ist.

Lieben Gruss,

Onkel Paule

Sonntag, 9. Januar 2011

PROST NEUJAHR!


Mein Gott! Das alte Jahr ist noch gar nicht ganz zu Ende, da ist das neue Jahr schon wieder eine Woche alt. Sylvester in Melbourne war super. Auch hier gibt es Feuerwerk, aber die Australier haben ihre Lehre aus den Erfahrungen gezogen, die sie mit Feuerwerk gemacht haben. 

Während man in Deutschland um die Sylversterzeit immer wieder das Gefühl hat, man liegt vor Breslau im Schützengraben und die Granaten kommen von allen Seiten geflogen, passiert nichts dergleichen in Australien. Jedoch, vor nicht allzu langer Zeit war es auch hier Gang und Gäbe, dass der Australier sich mit allerlei Feuerwerk eindeckte und das neue Jahr mit Knall und Peng und Zisch einläutete. Jedenfalls der Teil, der sowas in seinem Ethnischen Ursprungsland auch gemacht hat. Der Engländer, der Ire und der Schotte haben das ja noch nie so gehabt, mit dem Feuerwerk. Soweit ich weiss ist das Feiern des neuen Jahres bei den Insulanern eher zu vergleichen mit einem Treffen zu Tee und Gebäck. Naja, wer hat auch schon Lust bei Häggies oder wie das Zeugs heisst und Plumpudding, mit lauwarmem Bier zu feiern. Da wird die Feierlaune ja schon im Keim erstickt. Man könnte meinen der Engländer geht zum Feiern in den Keller, damit niemand sieht wie er seine Contenance verlieren.

Ganz anders der Festlandeuropäer. In Deutschland zum Beispiel: Ich kann mich noch gut an Sylvester 1973 erinnern, als Tony Marschall überall auf den Sylvesterfeiern den Vogel abgeschossen hat. HO-JA-HO-JA-HOOO, mit Luftschlangen, Tischfeuerwerk, Pfirsich Bowle und Käseigel. So war das in Deutschland damals, aber wie der Grieche oder der Franzmann feiern, dass kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Der Franzose hört ja Chanson, aber ob man zu solcher Musik feiern kann? Ich weiss ja nicht. Schwermütig werden und in sein Glas weinen hat ja auch nicht wirklich etwas mit Ausgelassenheit zu tun. Ob Jacques Brel wohl mal „Schöne Maid“ gehört hat und dann, mit seiner Muse, Polonaise durch die Chansoniere getanzt hat?

Italien hingegen ist ja auch ein Land der Lebenslust. Der Italiener ist ja eher heissblütig. In Neapel wird ja auch Sylvester gefeiert wie in Hamburg. Ars Vivendi sag ich immer.

Jedenfalls, um noch mal auf die Knallerei zurückzukommen, wie ich bereits erwähnte, Feuerwerk gibt es jetzt in Australien seit ein paar Jahren nicht mehr, für Otto Normalverbraucher. Während sich in Deutschland Papa und seine Jungs ordentlich einen in den Rachen schmeissen und dann alle Jahre wieder zu Mitternacht die Gliedmassen wegsprengen und die Krankenhäuser damit beschäftigt sind Stümpfe zuzunähen, ist auch hier alles blau wie Hulle, aber man kann sich wenigstens nichts wegsprengen, gibt ja nix zu kaufen.

Anders sieht es aber bei den Exilchinesen in Australien aus. Die sind ja quasi die Ausnahme von der Regel. Der Chinese feiert sein Neujahrsfest etwas später im Jahr. Das geht dann aber ohne Rücksicht auf Verluste. 


Gefangene werden nicht gemacht und dann ist aber Feuerwerk den ganzen Tag in den ethnischen Brennpunkten der australischen Metropolen, in denen der Chinese zuhause ist. 



Kann man ja auch verstehen. Erst mal besaufen sie sich nicht so fuerchterlich wie der Europäer - die mögen ja weder Alkohol noch Käse - und dann haben sie ihr Feuerwerk ja auch viel besser unter Kontrolle. Das wird denen ja quasi in die Wiege gelegt, die nehmen das ja praktisch mit der Muttermilch auf, also nicht das Feuerwerk, aber den verantwortungsvollen Umgang mit den Knallern und Raketen. Und dann haben sie ja auch noch andere Sachen, die sie unheimlich gern machen. So Sachen, wie mit dem Papierdrachen durch die Fussgängerzonen rennen und dabei einen heiden Radau zu machen oder den ganzen Tag Teller jonglieren. In Box Hill soll ja immer schwer was los sein, da muss ich hin - freu ich mich schon drauf. Dann ist zum zweiten Mal Sylvester.

Ich war dieses Jahr Sylvester auf dem Southgate Boulevard in der Innenstadt und habe mir von dort das Feuerwerk angesehen. Toll war’s. Ich habe mir sagen lassen, dass exakt das gleiche Feuerwerk von vier verschiedenen Punkten in Melbourne simultan abgeschossen wurde. Da konnte man praktisch irgendwo in der Stadt sein und dann hat man genau dasselbe gesehen, wie ich z.B. am Southgate Boulevard. Channel Seven hat das ja ausgestrahlt. Hier ist ein Link.

So und nun hab ich erst mal genug erzählt. jetzt muss ich fuer Richard und mich erst mal Abendessen machen – gibt Putengeschnetzeltes mit Spaghetti. Hab ich für uns bisher noch nicht gemacht. Wenn er auf die Idee kommt, die Spaghetti zu zerschneiden, dann nehm‘ ich ihm den Teller weg und jag' sein Essen durch’s Klo. Da geht's ums Prinzip und da lass ich nicht mit mir reden. Ich sauf meinen Kaffee ja auch nicht aus der Kanne. 

So. Lieben Gruss und alles Gute für 2011.
Onkel Paule.