Samstag, 22. Januar 2011

Devonshire Tea

Um gleich vorweg eine brennende Frage zu klären, die mir kürzlich von Lesern meines Blogs gestellt wurde:


Richard hat seine Spaghetti NICHT zerschnitten. 

Wie ich bereits in meinem letzten Tagebucheintrag erwähnt hatte, gab es zum Abendbrot Spaghetti in unserer WG der reiferen Herren. Da ich noch nie fuer uns Spaghetti gekocht hatte und ich es nicht ausstehen kann, wenn meine Gaeste ihre Spaghetti zerschneiden, hatte ich gedroht, Richards Essen durch’s Klo zu jagen, sofern er sich zu dieser Barbarei hinreissen lassen würde. Hat er aber nicht gemacht, weshalb er also an jenem Abend auch in den Genuss einer Warmen Mahlzeit gekommen ist.

Heute nun, möchte ich Licht in das Dunkel bringen, das Devonshire Tea umgibt. Wer in Australien Urlaub gemacht hat, wird sicherlich festgestellt haben, dass in Australischen Bäckereien und Cafe’s nichts mit derartiger Hingabe angeboten wird wie Devonshire Tea. Wenn man durch die kleinen Orte auf dem Land fährt oder durch die Randbezirke der Grossstädte, in denen Cafes und Bäckereien noch eine Darseinsberechtigung haben, stellt man schnell fest, dass überall Devonshire Tea auf Werbetafeln feilgeboten wird, die dem Fusswegbenutzer vor den Geschäften in den Weg gestellt werden.
Ich muss zugeben, dass ich mich auf Urlaubsreisen nach Australien immer gefragt habe, was an diesem speziellen Tee denn nun so toll sein soll. Ich war immer der Meinung gewesen, dass der Australier, dessen Kulturerbe auch heute noch vorwiegend aus England importiert ist, langweilige Tees wie Earl Grey oder Orange Pekoe bevorzugt. Und nun gesellt sich dieser ominöse Devonshire Tea auch noch dazu. Weiterhin sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass Australien sich in Sachen Kaffee schwer gesteigert hat. Eine Einkaufsstrasse oder ein Einkaufszentrum, das etwas auf sich hält nennt zumindest ein Cafe sein Eigen. Und dort bestellt die hiesige Kundschaft nicht etwa Tee, oder gruseligen Instant Kaffee, der hier durchaus seine Kundschaft findet. Es wird frisch gemahlener Kaffee angeboten; und zwar in den exotischsten Formen:
  •     Skinny Latte
  •     Tchai Latte
  •     Cappuchino
  •     Long oder Short Black
  •     Latte Macciato
  •    Hot Skinny Latte Macciato, one sugar
  •    Small, Medium, Large, Pot or Mug
Etc. pp.

Was sucht dort Devonshire Tea auf der Werbetafel? 

Wer sich wie ich kulturell assimilieren will, anstatt dauernd darüber herumzunörgeln, was in Deutschland besser ist, was es hier nicht gibt und was die Australier nicht können, habe ich mir eines zum Prinzip gemacht: Ich stelle Fragen. Hart und direkt.

Vor ein paar Tagen habe ich Richard wieder zum Deutschen Club begleitet. Dort stiessen wir auf Käthe und Hermine, auch Rentner wie wir und Stammgaeste im Club. Da es Kaffeezeit war und wie jeder gebildete Mensch weiss, Essen der Sex des Alters ist, beschlossen wir zusammen Kaffee zu trinken. 

Richard hat dauernd Angst, dass er zu fett wird und dass sein Colesterinspiegel neue Spitzenwerte erreicht. Dabei ist er fast so dürre wie ein Stabhochspringer. 


Kennt eigentlich noch jemand Carlo Tränhart? 

Egal. Richard bestellte sich einen schlichten Milchkaffee, ohne was dabei. Ich war schon drauf und dran mir meine übliche Vanilleschnitte mit Kaffee zu bestellen, da entschlossen sich Käthe und Hermine zu Devonshire Tea – mit Kaffee!

Ich war natuerlich von den Socken und habe sie erst mal gefragt, ob sie denn nichts essen wollten, worauf Käthe mich in einem eher belehrenden Ton anpampte, dass sie doch geraede Devonshire Tea bestellt hatten. Ich habe dann sofort zurückgepampt, dass man Tee ja wohl nicht essen könne und wie barbarisch es wäre, gleichzeitig Kaffee und Tee zu trinken. Ich führte weiterhin aus, dass man mit meiner Stimme rechnen könne, wenn Leute mit derartigen Geschmacksentgleisungen den Löwen zum Frass vorgeworfen werden und dass ich lieber einen von diesen fürchterlichen Earl Grey trinken wuerde als Tee und Kaffee gleichzeitig.

Käthe und Hermine rollten mit den Augen und Richard schlürfte an seinem Kaffee, als ob ihn das alles nichts angehen würde. Irgendwie redeten wir aneinander vorbei, das hatte ich im Gefühl. Offensichtlich wussten die Drei etwas, das mir bisher entgangen sein musste.

Hermine erklärte mir letztendlich folgendes: Devonshire Tea hat nichts mit Teesorten zutun. Devonshire Tea bezieht sich darauf, wie man zur Teestunde in Devonshire zu speisen pflegt. Es ist also ein traditionelles, Englisches Teegedeck, und mitnichten eine schäbige Tasse voll mit dünnem Aufgussgetränk. Das Gedeck besteht aus sogenannten Scones (ausgesprochen, „Skonns“), Jam and Cream. Scones sind sowas wie kleine Brötchen oder Semmeln aus Kuchenteig. Ich habe mir weiter erklären lassen, dass es in Australien wahre Meisterschaften im Scones Backen gibt. Das muss man sich so vorstellen wie Chilli-Wettbewerbe in Texas, nur nicht so scharf. Jedenfalls wird zu diesem Backwerk ein Töpfchen mit Schalgsahne und ein Töpchen mit Marmelade (vorwiegend Himbeere oder Erdbeere) gereicht. Dazu bekommt man ein Messer, um die Scones aufzuschneiden, mit Marmelade zu beschmieren und einen ordentlichen Klacks Sahne obendrauf zu packen.
Ich fühlte, wie mein Bildungsstand sich erweiterte und was ich da erfuhr klang so interessant, dass ich mich den beiden Damen in der Wahl des Teegedecks anschloss. 


 Ich muss sagen, das schmeckt wahnsinnig gut und niemand guckt komisch, wenn man sich lieber einen Kaffee, als einen Orange Pecoe oder einen Earl Grey dazu bestellt. Sogar der colesterinbewusste Richard gierte die ganze Zeit auf meinen Teller. Ich habe ihm dann einen halben Scone abgegeben. Man ist ja kein Unmensch. Richard erwähnte dann noch, dass es ein tolles Ausflugsziel in den Dandenong Mountains geben soll. In dem Ort Sassafras ist Miss Marples Tea Room zuhause. 


Ein kleines Kaffee in dem es die köstlichste Himbeermarmelade der südlichen Hemisphere zum Devonshire Tea geben soll. Er erwähnte auch, dass es gar keinen Sinn macht dort am Wochenende zu versuchen einen Platz zu bekommen. Dann tauchen in den Dandenongs nämlich Busscharen mit Touristen auf, die alle nach einem vorgefertigten Plan abgefertigt werden – im Stundentakt. Als Rentner sind wir ja fein raus, wir können dort auch hin fahren, wenn die arbeitende Bevölkerung ihre Kinder in die Schule geschickt hat und selbst ihrem täglichen 9-5 nachgeht.

Wieder was gelernt. Ich muss sagen, ich fühle mich schon ganz schön australisch. Jetzt kann auch ich mit den Augen rollen, wenn mal wieder irgendsoein Hinzugereister keine Ahnung hat, was Devonshire Tea ist.

Lieben Gruss,

Onkel Paule

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen