Freitag, 2. September 2011

Esskultur und Fernsehen - zwei Welten prallen aufeinander...

Als Rentner hat man ja viel Zeit, um sich mit Dingen wie Fernsehen zu beschäftigen. Wie sinnlos diese Beschäftigung sein kann lässt sich zur Zeit in Australien an dem schieren Overkill an Kochsendungen ablesen. Nachdem nun diverse Sendungen ausgelaufen sind, in denen man sich erwartungsvoll anstarrte und hoffte, dass man nicht aus der Sendung fliegt, weil man zu fett ist und einfach nicht abnimmt, starrt man sich nun an und hofft, dass man nicht rausfliegt, weil das Essen, was man in den letzten viereinhalb Stunden zubereitet hat nicht bei den Chefköchen und Gastronomiekritikern durchfällt.

Ich kann hier, in St. Kilda, in Richards Haus ohnehin nur fünf Sender empfangen. Aber auf allen fünf Sendern wird mampfend mit den Augen gerollt und sich gegenseitig versichert, wie wunderbar doch die fritierten Leberwurstmedaillons mit geviertelten Kresseblaettern schmecken, oder irgendeine andere kulinarische Albernheit. Warum sagt nicht mal einer der Fernsehköche sowas wie, "Mein Gott! Das schmeckt ja scheisse!"

Auf dem TV-Sender ABC laufen
The Chef and the Cook
Poh's Kitchen
Jim Stein's Far Eastern Odyssey
Bill's Tasty Weekend

Channel 7
Mercurio's Menu

Channel 9
Sunday Roast

Channel 10
Masterchef
Jamie's 30 Minute Meals

SBS 1
The Future of Food
Gourmet Farmer

Anstatt das Fernsehpublikum mit albernen Rezepten zu nerven, in denen z.B. Johannisbeeren mit Spinat gefüllt werden oder versucht wird ein Tellergericht besonders zur Geltung kommen zu lassen durch hochkant stehende Spiegeleier, sollte man vielleicht mal über den Benimm in der Küche ein paar Worte fallen lassen. Neulich hat Richard mal den Kochlöffel geschwungen. Als er sich gebückt hat, um den Schweinebraten in die Röhre zu schieben hat er gefurzt. Ich muss dazu sagen, dass ich im Wohnzimmer war und gerade ein ausgezeichnetes Bier verköstigte, als ich das typische Klappern und Scheppern vernahm, das wohl jeder kennt, der erst mal Roste und Bleche aus dem Ofen zerren muss, um überhaupt Platz zu haben für den Braten. Gerade als er nämlich schabenderweise das Backblech in den Ofen schob knatterte er auch schon los.

Nicht nur, dass ich mir plötzlich einbildete, dass das Bier nun einen schwefeligen Beigeschmack hat, ich finde auch, dass man sich in der Küche zusammenreissen sollte. Auch wenn's pressiert, sollte man doch in der Lage sein, seinen Körper soweit zu beherrschen, dass anwesende Dritte nicht in emotionalen Aufruhr versetzt werden. Was ich auch gar nicht mag ist, wenn Leute sich mit einem abwesenden Blick, quasi in Trance an den Nasenhaaren herumpopeln oder nach einem Schatz suchen, der sich weiter im Inneren des Nasenstollens befinden muss. Da ist es dann auch egal, ob das in der Küche oder anderswo passiert - z.B. an der Kasse im Supermarkt, vor dem Geldautomaten, oder am Tisch in einem Restaurant.

Was ich auch nicht verstehe ist, dass Richard erst dann das ganze Gerümpel aus dem Ofen zerrt, wenn der Ofen heiss ist. Naja, er kocht halt nicht jeden Tag.

Womit wir dann wieder beim Essen sind: Käthe, eine unserer Bekannten von Deutschen Club (Club Tivoli) hat uns letztes Wochenende besucht. Eigentlich wollten wir nur nach Hawthorn, um in der Glennferrie Road in einem netten Strassenkaffee zu frühstücken. Stattdessen sind wir dann wahnsinnig spontan etwa 100km den Mornington Peninsula hinunter gefahren, bis an die Südostspitze, wo sich Flinders befindet. Vorher haben wir noch einen Abstecher gemacht nach Cape Shank. Das ist quasi in der Mitte des Südendes des Mornington Peninsulas. Ein Felsvorsprung mit einem malerischen Leuchtturm. Ich kann das nur jedem empfehlen, der mal aus der Stadt raus möchte oder mal an einem malerischen Ort verweilen möchte ohne Horden japanischer Fototouristen oder laut palavernder chinesischer Reisegruppen.

Das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht erzählen. Ich wollte von Flinders und essen erzählen. Als wir also in Flinders angekommen waren, schlug Käthe vor, dass wir drei (Käthe, Richard und ich) die kleine Hauptstrasse des Ortes mal abflanieren sollten. Während des Flanierens fiel uns ein malerisches Kaffee auf, dass mal ein schönes Holzwohnhaus gewesen sein muss. Jedenfalls gingen wir hinein um im Cafe eine Bestellung aufzugeben. Zunaechst stand am Tresen des Kaffees eine Schiefertafel auf der geschrieben stand: Flathead Fillets - $ 45.- KG. Das war das erste Kaffee das ich je gesehen habe, wo es Fisch zu kaufen gab. Wer weiss, vielleicht hatten sie ja auch Ersatzreifen in der Tiefkühle... Dann stellte sich heraus, dass es keine Nummerntafeln gab, wie sonst ueblich in Australien, die man mit an seinen Tisch nahm. Stattdessen hatte jeder Tisch eine Nummer. Vom Besucher wurde erwartet, dass er sich einen Tisch aussucht und dann zum Tresen geht, die Bestellung aufgibt und die Wunschtischnummer erwähnt. Bis das alles geschehen war, konnte sich draussen jemand anders an den Tisch gesetzt haben. Wir hatten aber Glück und Tisch 18 war immer noch frei, als wir wieder nach draussen auf die Veranda gingen. Neben uns, an Tisch 17, nahm ein Päärchen Platz. Als sie feststellten, dass man nach drinnen muss, um eine Bestellung aufzugeben, hatten sie die kluge Idee, ihre Plätze bereits mit Besteck und Serviette einzudecken und die Stuhllehnen nach vorn, an die Tischkante zu stellen. Kaum waren sie verschwunden, kam eine der Bedienungen, stellte die Stühle wieder normal hin und räumte das Besteck und die Servietten ab. Kurze Zeit später tauchte das Päärchen wieder auf und nahm den Tisch wieder ein, weil sich auch in ihrem Fall glücklicherweise noch niemand an den Tisch gesetzt hatte. Aber jetzt wird's noch besser. Natürlich wurden sie im Kaffee nach ihrer Tischnummer gefragt und die Serviererin wird daraufhin Tisch 17 anlaufen, um dort die bestellten Sachen zu servieren. Jedoch entscheidet sich das Päärchen, sich weiter hinten, in eine ruhigere Ecke zusetzen. Natürlich ist die Serviererin ratlos, als sie einen leeren Tisch vorfindet. Wir waren dann so freundlich und haben der jungen Dame erklärt, dass sich das Päärchen etwas weiter hinten hingesetzt hat.

Ganz ehrlich, wir drei hätten gern den gesamten Nachmittag in dem Kaffee verbracht um dem chaotischen Treiben zuzusehen. Wir hatten noch auf der gesamten Fahrt zurück nach St. Kilda unseren Spass mit dem Erlebten, in dem wohl am chaotischsten organisierten Cafe auf dem Peninsula.

Ein anderes Erlebnis der eher bizarren Art muss ich noch los werden. Wer sich in Melbourne auskennt wird wissen, dass die Vororte Box Hill und zunehmend auch Doncaster in die Hand der Chinesen gefallen sind. In Doncaster befindet sich das Westfield Shopping Town. Ein riesiger Konsumtempel mit zu wenig Parkplatz - zumindest am Wochenende. Richard musste einen IPod besorgen und im Westfield Shopping Center ist wohl der grösste Apple Store Melbournes. Jedenfalls sind wir da letzten Donnerstag, am späten Nachmittag hingefahren, mit Richards Auto. Nachdem sich Richard ausgiebig beraten lassen hat und ich inzwischen jede Ecke des Ladens erkundet hatte sind wir noch schnell nach Ladenschluss zum Coles Supermarkt gelaufen und haben dort etwas Abendbrot gekauft. Ich hatte mal wieder Lust auf Hering in Tomatensosse mit Graubrot - das gibt es da. Die Heringe importiert aus der Heringseindosungshochburg Harrislee.

Als wir dann wieder zurück zu unserem Wagen gingen, war das Parkhaus schon ziemlich leer und draussen war es auch schon dunkel. Vielleicht war das der Grund, warum eine Chinesin älteren Datums in einen imaginären viereckigen Parcour auf dem Parkdeck herumjoggte. Chinesen werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben. Sie tun Dinge, die uns Westlern einfach bizarr oder irrational erscheinen. Aber wer weiss, vielleicht denkt die Chinesin auch, dass die ganzen Westler bescheuert sind, weil sie das Parkdeck nicht fuer eine abendliche Körperertüchtigung benutzen.

Egal. Richard und mir haben die Heringe auf Graubrot ausgezeichnet geschmeckt. Und Richard freute sich, dass er nichts in die Bratröhre schieben musste, das einen unkontrollierten Furz hätte auslösen können. Bleibt zu hoffen, dass ich nicht auch bald so auseinanderfalle...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen