Ich weiss ja nicht, wie es Euch geht, wenn ihr auf der Strasse unterwegs seid - besonders in der Stadt. Ich habe den Eindruck die Text-Message-Süchtigen werden auch immer mehr. Dauernd muss man irgendjemandem ausweichen, der einem mit gesenktem Kopf und nachgezogenen Füssen entgegenkommt, während er mit heftig zirkulierendem Daumen auf sein Mobiltelefon eintippt. Der einzige Unterschied zu Zombies ist, dass Texter keine Zeit haben zu beissen. Aber wer weiss, vielleicht kommt das auch noch.
Kürzlich habe ich mich bei meinem Hausarzt, Dr O'Keefe, eines Gesundheitschecks unterzogen und ihn mal gefragt, ob diese neue Marotte der jungen Leute eigentlich gefährlich ist. Wie sich heraus stellte habe ich da eine Büchse der Pandora geöffnet. Neben seiner Praxistätigkeit arbeitet er auch Teilzeit, in der Notaufnahme des Alfred Hospitals in St. Kilda. Er versicherte mir, dass vor nicht allzu langer Zeit ein junger Patient in die Notaufnahme kam. Obwohl der Verdacht bestand, dass er sich das Schienbein gebrochen hatte, schien der Patient an diesem Umstand überhaupt kein Interesse zu zeigen. Dr O'Keefe war der Meinung, man könne zu diesem Patienten wohl nur noch per SMS durchdringen:
"PING! Sie haben eine neue Nachricht:
Hallo! Hier ist Dr O'Keefe, Ihr Arzt, der Sie gerade in der Notaufnahme des Royal Alfred Krankenhauses behandelt. Ich war gerade dabei Ihre Krankengeschichte aufzunehmen, um etwas zu beheben, das wie ein gebrochenes Scheinbein aussieht. Da Sie aber mehr mit Ihren Text-Messages beschäftigt sind, habe ich mich dazu entschieden, meine Aufmerksamkeit derweil anderen Patienten zu widmen. Was halten Sie davon, mir eine Rückmeldung zu schicken, wenn Sie mit ihren anderen Messages fertig sind?"
Natürlich hat Dr O'Keefe eine solche Message bisher nicht geschickt. Aber in Anbetracht der Sachlage, dass immer mehr Jugendliche der Generation Y den Weg in seine Praxis finden, mit Symptomen von GRI (Gadget Related Injuries - sowas wie Mobilgeraetbedingte Verletzungen, also MGBV), ist der Gedanke sehr reizvoll.
Dr O'Keefe versicherte mir, dass in den letzten acht Jahren, in denen er in der Notaufnahme gearbeitet hat, die Anzahl der GRIs drastisch zugenommen hat. Mich wundert das ja nicht. Man muss sich nur mal in der Rush Hour in Melbourne an den Strassenrand stellen und einfach beobachten, was da so los ist. Ich muss zugeben, ich war beeindruckt. In der Zeit, in der ich die Leute beobachtete, die an einer Kreuzung auf das grüne Männchen warteten, war ungelogen mindesten einer von Dreien damit beschäftigt, entweder an seinem Mobiltelefon, I-Pod oder MP3-Player herumzufummeln. Diejenigen an vorderster Front wurden von vorbeirauschenden Bussen und Lastern nur um Zentimeter verfehlt, während sie vollkommen damit in Beschlag genommen waren, zu texten, zu tweeten, zu boppen, mit Onlinespielen herumzudaddeln oder ihren Facebookstatus zu aktualisieren. Die Ampel schaltete auf grün und ohne auch nur einmal kurz aufzuschauen schafften es die Zombies aneinander vorbei auf die andere Strassenseite, während sie weiter vor sich hin fummelten und dabei keinen einzigen Menschen umrannten. In der Wissenschaft heisst dieses Phänomen "komplexes adaptives System". Anhand dieser Systeme wird erklärt, wie Vögel und Fische es in Schwärmen vermeiden, bei hoher Geschwindigkeit im Chaos zu versinken. Während die Generation Text offensichtlich die Regeln komplexer adaptiver Systeme verinnerlicht hat, sind die restlichen zwei Drittel von uns mit komischen Tänzen beschäftigt, in dem verzweifelten Versuch herauszufinden, wer nun wohin geht und in welche Richtung man am besten ausweichen kann.
Dennoch, die Zeichen der natürlichen Auslese stehen gegen die Generation Text, welche auch auf Rolltreppen, Trimmrädern, Laufbändern, ja sogar freihändig vor dem Urinal texten. Unfälle sind vorprogrammiert. Ich habe mal zu diesem Thema auf Youtube recherchiert und es gibt tatsächlich eine Videoaufnahme aus einem amerikanischen Shopping Center, in dem eine Passantin textenderweise schnurstracks in einen Springbrunnen stolpert.
Wie die Amerikaner so sind - als solches laut und selbtverliebt, aber überfordert mit einfachen Dingen - suchen sie anschliessend nach jemandem, den sie verklagen können. Wenn ich also dieser Logik folgend in den USA mein Auto an einem Baum zu Schrott fahre, verklage ich das Gartenbauamt, weil sie mir einen Baum in den Weg gepflanzt haben. Naja, das ist ein anderes Thema...
Es gibt noch weitere Beispiele. So ist z.B. in New York eine Texterin durch ein offenes Gulliloch, in den Abfluss geplumpst. Auch diese Kandidatin denkt daran zu klagen.
Mir fällt es schwer NICHT über solche Vorfälle und die tragischen Protagonisten zu lachen, die andere wegen ihrer eigenen Unfähigkeit verklagen wollen.
Wenn ein Jugendlicher auf der Strasse vor sich hin radelt, keinen Helm auf hat, dafür aber einen Kopfhörer und seine gesamte Aufmerksamkeit auf sein I-Phone richtet - ist das nicht eine neue Form von Darwinismus? Eine Welt der natuerlichen Auslese, in der der Stärkere überlebt und der Dümmere sich selbst aus der Nahrungskette entfernt?
Dr O'Keefe könnte einen ganzen Abend mit Anekdoten über GRI-Vorfälle füllen. Die einzige Geschichte, die nicht in der Rubrik Unfall durchging war ein älteres, klappbares Mobiltelefon, das den Weg in ein unglückseliges Rektum gefunden hatte. Dr. O'Keefe erklärte mir lachend, dass er gern auch mal an dieses Telefon getextet hätte - mal sehen wie das klingt, wenn die Message empfangen wurde... Dennoch, er ist einer derjenigen, die GRIs alles andere als witzig finden. In der Notaufnahme laufen keine chronischen Fälle von verletzten Fingern, Daumen, Handgelenken und Sehnen ein - auch Nintendonitis oder Wii-Knie genannt - es sind in der Mehrzahl gebrochene Handgelenke oder Frakturen der Knöchel und Schienbeine, sowie ausgekugelte Schultern. Dr O'Keefe erklärte mir, dass Texter lieber ihr mobiles Gerät schützen, wenn sie fallen, als ihren Körper. Die Unfallstatistiken liegen versteckt in Verkehrsunfällen und Stolper- und Fallverletzungen, in denen die Gadgets zwar Auslöser des Ungemachs sind, aber in der Beschreibung der Vorfälle in den Hintergrund treten. Ausserdem ist da noch der Peinlichkeitsfaktor. Wie Dr O'Keefe treffend formulierte, wer gibt schon gern zu, dass er textenderweise die Rolltreppe hinuntergefallen ist, gegen einen Pfeiler oder in einen Springbrunnen gelaufen ist. Kleinere alkoholbedingte Unfälle sind stets ein Grund zur allgemeinen Belustigung; Vorfälle die im Zusammenhang mit Text-Messaging passieren sind in der Regel uncool und hochnotpeinlich. Einige darunter auch tödlich.
Im letzten Jahr soll eine Passantin mit Kopfhörern auf dem Kopf in einen Krankenwagen gelaufen und überfahren worden sein. Zeugen berichteten, dass der Krankenwagen zum gegebenen Zeitpunkt die Sirenen an hatte. In der Nähe von Geelong wurde eine 86-jährige getötet, als das Auto in dem sie mitfuhr von einem 19-jährigen Fahrer gerammt wurde. Der Unfallverursacher hatte in den 20 Minuten vor dem Unfall zwei Telefonanrufe gemacht und acht Textnachrichten verschickt. In einem Parkhaus in Melbourne fiel ein junger Mann aus dem 7. Stock und verunglückte tödlich, weil er mit Texten abgelenkt war, als er zwei seiner Freunde zu ihrem Auto begleitete. Ein 52-jähriger Tri-Athlet und Vater von drei Kindern wurde in Lake Maquarie beim Fahrradtraining getötet, als ein Fahrer ohne Führerschein mit Texten beschaeftigt war und ihn von hinten überrollte. Im Oktober wurde eine 15-jährige in Melbourne von einem Zug erfasst, während sie mit Kopfhörern ihrem I-Pod lauschte.
Dieses Gemetzel zeigt auf, wie abgelenkte Gadgetbenutzer sich und Andere in Gefahr bringen. Es gibt verschiedene Studien die sagen, dass das Benutzen eines Mobiltelefons während der Fahrt die Unfallwahrscheinlichkeit vervierfacht und dass die Reaktionszeiten denen eines angetrunkenen Autofahrers entsprechen. Besorgte Versicherer behaupten, dass in 2011 geschätzte 11 Milliarden Textmessages allein in Australien während der Fahrt erstellt und abgeschickt werden.
Mit diesen Zahlen im Hnterkopf, wer wagt sich da noch mit gesenktem Kopf über die Strasse?
Im letzten Jahr hat das Pedestrian Council of Australia (PCA) die Werbekampagne, 'Lambs to the Slaughter' (Laemmer ins Schlachthaus) gestartet. Schafsköpfige Fussgänger laufen bei rot über die Ampel, ausgestattet mit allen möglichen mobilen Geräten. Der Sprecher der PCA, Harold Scruby sagt, dass sich eine GRI-Epedemie ankündigt.
Neuere Studien aus den USA ergeben, dass über 16000 tödliche Unfälle in Verbindung mit Text-Messaging stehen. In 28% der Fälle sind Mobiltelefone die Ursache. Weil Hersteller von Mobilgeräten hemmungslos die Risiken heruntergespielt haben und Kundenaufklärung über Regelungsmassnahmen stellen, werden sie inzwischen von einigen Seiten mit der Zigarettenindustrie verglichen. Während dessen sehen Anwälte eine neue lukrative Niche für ihre Arbeit, weigern sich Versicherer, nachlässige Autofahrer zu versichern und befindet sich Oprah Winfrey auf einem persönlichen Kreuzzug, um Autos zu einer No-Phone-Zone zu machen.
Der US Verkehrsminister hat die Absicht erklärt, alle mobilen Kommuniktionsgeräte aus Fahrzeugen zu entfernen. Behörden verfeinern ihre Gesetze und erhöhen die Strafen und erweitern den gesetzlichen Einflussbereich in einigen Fällen auch auf Fussgänger.
Einige glauben, dass der Bevormundungsstaat wahnsinnig geworden ist, aber Leute wie Dr O'Keefe haben wenig Hoffnung für Alternativen. "Junge Leute glauben, das sie unverwundbar sind und lassen sich auch nach schweren Unfällen umgehend wieder von ihren Gadgets ablenken. Dr O'Keefe kennt einen Kollegen, der berichtete, dass ein Patient Aufnahmen mit seinem Mobiltelefon machte und das Video an seine Freunde schickte, während sein Kollege ihn wieder zusammennähte. Solche Patienten werden wahrscheinlich sogar noch ihren Status updaten, waehrend sie auf dem Sterbebett den Löffel abgeben. Gleichzeitig weist er aber auch darauf hin, dass die Unfallrate in Australien seit 1990 um die Hälfte gesunken ist, weil die Regierung dem Volk weitgehend die Macht entzogen hat, sich selbst und andere umzubringen. "Stellen Sie sich nur mal das Schlachtfest vor, wenn es keine Alkoholtests, Sitzgurte, Fahrzeugsicherheitsstandards und Fahrradhelme geben würde". In der Litaeratur werden Phänomene wie GRI als ein entstehendes Verletzungsvermeidungs- problem beschrieben (an emerging injury-prevention concern), aber fuer Dr O'Keefe ist es schlicht die neue Version von Alkohol am Steuer.
Ich muss dazu aber auch ergänzen, dass es erheblich leichter ist in Australien an einen Führerschein zu kommen als in Deutschland. Man klebt sich ein gelbes Quadrat mit einem schwarzen L auf's Auto, setzt sich auf den Beifahrersitz und dann darf Sohnemann oder Töchterchen ans Lenkrad. Die Verkehrsbehörde ist erst dann involviert, wenn es zur Prüfung kommt. Bewusstsein schaffen für ethische Regeln im Strassenverkehr sind dann allein der Fantasie des Beifahrers mit Führerschein - Freund, Freundin, Mamma, Pappa - überlassen. Und wenn der Spross dann 18 ist, dann kann er sich eine Höllenmaschine mit V8 Motor und 400 PS besorgen und damit seine Kumpels um die Blöcke fahren. Dass man mit so einem Auto nicht brav am Kanntstein entlangschleicht ist doch wohl bar jeder Diskussion oder? Und dann schön mit 110 im Feierabendverkehr den Highway runter, den Kumpels texten, dass man gerade mit 110 den Highway runter fährt, die Freundin anrufen, dass man gerade auf dem Weg zu ihr ist und nur noch 5 Minuten braucht etc. pp.
Ich bin ja nun schon eine ganze Weile aus Deutschland weg, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es da auch so ein Problem ist, weil Fahrschule Pflicht ist und Bewusstsein für die Gefahren des Textens während der Fahrt erzeugt wird - vielleicht auch mit drastischem Bildmaterial. Die TAC (Tranport Accident Commission) ist für derartige Antiwerbung in Australien zuständig. Aber im Moment beschäftigen sie sich noch mit traditionellen Problemen, wie zu schnellem Fahren und Drogen am Steuer.
Zum Thema Mobiltelefon im Auto habe ich noch nichts gesehen. Wäre dann aber wohl auch ziemlich drastisch in der Umsetzung, denke ich...